Zwischen Anspruch und Alltag:
Wie gelingt die qualifizierte Leistungseinschätzung?
Eine Szene zum Einstieg
Eine Szene zum Einstieg:
Anna, Praxisanleiterin in einer großen Klinik, sitzt nach einem langen Dienst vor dem Laptop. Sie soll die Leistungseinschätzung für eine Auszubildende verfassen. Das Formular umfasst vier Seiten, gespickt mit Kompetenzdimensionen und Kriterien. „Validität, Reliabilität, Objektivität“ – so steht es im Begleitheft. Doch Anna fragt sich: „Wie soll ich das im Stationsalltag alles abbilden?“
Worum geht es eigentlich?
Seit Inkrafttreten des Pflegeberufegesetzes (2020) sind Einrichtungen verpflichtet, für jeden Praxiseinsatz eine qualifizierte Leistungseinschätzung zu erstellen (§ 6 PflAPrV).
Das Ziel: Kompetenzen sichtbar machen – nicht nur Tätigkeiten abhaken.
Doch die Realität zeigt ein Spannungsfeld:
- Einerseits sollen die Instrumente wissenschaftlich fundiert sein
- Andererseits müssen sie alltagstauglich bleiben
Glodek et al. sprechen vom „Validitäts-Praktikabilitäts-Dilemma“: Je differenzierter die Instrumente, desto schwerer sind sie im Alltag nutzbar
Zentrale Ergebnisse der Studie
In Ihrem BIBB Discussion Paper „Qualifizierte Leistungseinschätzung in der Pflegeausbildung“ diskutieren Glodek et al. die Ergebnisse von Interviews mit Expertinnen/Experten, Online-Erhebung und Dokumentenanalyse. Zentralen Merkmale Ihrer Erhebungen sind:
- Heterogene Praxis: 99 verschiedene Instrumente wurden in der Untersuchung dokumentiert – von tabellarischen Checklisten bis hin zu ausführlichen Kompetenzrastern
- Wunsch nach Einfachheit: Praxisanleiter:innen wünschen sich klar strukturierte, leicht handhabbare Bögen
- Hohe Anforderungen: Gleichzeitig müssen Gütekriterien wie Objektivität und Validität erfüllt werden
- Unterschiedliche Länderregelungen: Während einige Bundesländer klare Vorgaben zur Notenbildung machen, bleibt es anderswo unbestimmt – was zu Verunsicherung führt
Ein Ergebnis der Expertenworkshops: Die Balance zwischen Wissenschaft und Alltag muss neu gedacht werden.
Was heißt das für die Praxis?
Die Herausforderung für Praxisanleiter:innen ist deutlich: Sie sollen Lernprozesse begleiten, Leistungen einschätzen und dabei die Balance zwischen Fachlichkeit und Machbarkeit halten.
Die DBfK-Umfrage unter Auszubildenden (2024) macht klar, dass bereits die Organisation von Praxisanleitung oft brüchig ist: Viele Lernende erreichen die gesetzlich vorgeschriebenen zehn Prozent Anleitung nicht. Wenn dann noch überfordernde Bewertungsinstrumente hinzukommen, wächst der Druck.
Stefanie Wowtscherk (2023) zeigt in ihrer qualitativen Studie, dass Auszubildende sehr sensibel auf Feedback und Anerkennung reagieren. Leistungseinschätzungen sind daher nicht nur ein bürokratisches Muss, sondern wirken direkt auf Motivation und Bindung.
Kernpunkte der Erhebung
„Die Ergebnisse zeigen, dass die Pflegeschulen […] großen Wert auf kurze, verständliche und anwendungsfreundliche Instrumente legen. Im Vordergrund steht dabei die Perspektive der Bewertenden, die die Beurteilung mit geringem Aufwand und zügig durchführen wollen.“
(Glodek et al. 2024, S. 18)„Im Spannungsfeld zwischen anwendungsfreundlichem Pragmatismus und dem Wunsch nach Einhaltung hoher Beurteilungsstandards ist ein ‚Validitäts-Praktikabilitäts-Dilemma‘ der Pflegeschulen erkennbar.“
(Glodek et al. 2024, S. 19)„Die Anwesenden wiesen darauf hin, dass die Umsetzung der Kompetenzbewertung in der Praxis schwierig sei. Zum einen sei nicht klar, was im Rahmen der qualifizierten Leistungseinschätzung bewertet werden soll, zum anderen mangele es zahlreichen Praxisanleiter:innen an Kompetenzen zur qualifizierten Bewertung.“
(Glodek et al. 2024, S. 28)
Handlungsempfehlungen für Praxisanleiter:innen
- Reduzieren statt überfrachten: Konzentrieren Sie sich auf klare, priorisierte Kriterien – lieber drei gut beobachtete Kompetenzdimensionen als zehn oberflächlich bewertete
- Feedback einbauen: Legen Sie Wert auf dialogische Rückmeldungen, nicht nur auf das Ausfüllen des Bogens
- Transparenz schaffen: Erklären Sie Ihren Auszubildenden, wie Sie zu Ihrer Einschätzung kommen – das erhöht Akzeptanz
- Team einbeziehen: Nutzen Sie die Stimmen anderer Fachkräfte, um ein objektiveres Bild zu erhalten
- Selbstreflexion üben: Prüfen Sie regelmäßig: Wo bewerten Sie fair, wo lassen Sie sich von Sympathie oder Stress leiten?
Was Einrichtungen und Politik leisten müssen
Damit Leistungseinschätzungen nicht nur als Pflicht, sondern als sinnvolle Unterstützung der Ausbildung erlebt werden, braucht es klare Rahmenbedingungen. Einrichtungen sind gefordert, Praxisanleiter:innen gezielt zu entlasten – Zeitfenster für Beobachtung und Dokumentation gehören fest in die Dienstplanung. Pflegeschulen, die oft über die eingesetzten Instrumente entscheiden, müssen den Dialog mit den anleitenden Kolleg:innen suchen. Politik und Fachgremien sind gefragt, verbindliche Standards zu schaffen, die bundesweit für Transparenz sorgen, ohne die Praxis mit unnötiger Bürokratie zu überlasten. Nur wenn wissenschaftliche Qualität und praktische Umsetzbarkeit zusammengedacht werden, kann die qualifizierte Leistungseinschätzung ihren eigentlichen Zweck erfüllen: Lernfortschritte sichtbar machen und Entwicklung fördern.
Ihr nächster Schritt
Die zentrale Frage war: Wie lassen sich Bewertungsinstrumente so gestalten, dass sie sowohl valide als auch praktikabel sind – und den Lernenden wirklich dienen?
Eine vollständige Lösung gibt es nicht. Doch als Praxisanleiter:in können Sie Ihren Einfluss nutzen: Wählen Sie den pragmatischen Weg, ohne die Güte der Einschätzung aus den Augen zu verlieren. Das bedeutet konkret: Klare Kriterien vereinbaren, Beobachtungen zeitnah festhalten, Feedback dialogisch gestalten – und kritisch prüfen, ob das Instrument Ihnen dabei hilft oder eher im Weg steht. Wichtig ist auch, den Austausch mit Pflegeschulen zu suchen, die häufig über die eingesetzten Bögen entscheiden. Persönliche Gespräche oder Praxisanleiterkonferenzen sind geeignete Orte, um Erfahrungen einzubringen und Verbesserungen anzustoßen. Nur so entstehen Verfahren, die den Lernenden gerecht werden – und Sie in Ihrer Rolle wirklich unterstützen.
Quellen / Zum Weiterlesen
- Glodek, A., Deufel, K., Superina, D., & Reuschenbach, B. (2024). Qualifizierte Leistungseinschätzung in der Pflegeausbildung: Ergebnisse von Interviews mit Expertinnen/Experten, Online-Erhebung und Dokumentenanalyse (BIBB Discussion Paper, Version 1.0). Abgerufen am 12. Oktober 2025
- Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). (2024). Umfrage Praxisanleitung – Auswertung . Abgerufen am 12. Oktober 2025
- Wowtscherk, S. (2024). Das Ausbildungserleben von Lernenden der generalistischen Pflegeausbildung (Bachelorarbeit, Westsächsische Hochschule Zwickau). Abgerufen am 12. Oktober 2025
