Wenn Reflexion greifbar wird – digitale Wege in der Praxisanleitung
Freitagvormittag auf der Inneren Medizin. Der Geruch von Desinfektionsmittel liegt in der Luft. In Zimmer 14 sitzt Herr Krüger, 55 Jahre, an die Sauerstoffbrille angeschlossen, der Atem flach und schnell, aber wachsam. Neben ihm steht Leon, 19 Jahre, Auszubildender im ersten Lehrjahr. Heute soll er die Atemübungen mit ihm durchführen – nicht als Zuschauer, sondern als Anleitender.
Frau Halabi, seine Praxisanleiterin, lehnt an der Wand, beobachtet ruhig. Kein Wort, kein Eingreifen, nur Präsenz. Leon wirkt konzentriert, aber die Unsicherheit ist spürbar. Die Situation ist neu für ihn, die Verantwortung groß. Er erklärt Herrn Krüger die Lippenbremse, führt sie selbst vor, langsam, kontrolliert, fast so, als müsse er sich selbst beruhigen. Der Patient folgt seinen Bewegungen, anfangs zögerlich, dann rhythmisch. Nach einigen Atemzügen wirkt die Anspannung auf beiden Seiten gelöst.
Als die Übung beendet ist, Herr Krüger Leon an. Er schaut zu Frau Halabi, sucht kurz Bestätigung. Sie nickt knapp – ein Zeichen, das genügt. „Tragen Sie Ihre Beobachtungen ins E-Portfolio ein“, sagt sie, während sie gemeinsam den Raum verlassen.
Im Dienstzimmer nimmt Leon das Tablet zur Hand. Das Tippen fällt ihm leicht, fast wie ein inneres Nachatmen. Unter der Rubrik Reflexion zur Lernsituation schreibt er: „Ich war nervös, weil ich wusste, dass der Patient schnell Luftnot bekommt. Als ich mit ihm geatmet habe, wurde ich selbst ruhiger. Ich habe verstanden, dass meine Ruhe auf ihn übergeht.“ Frau Halabi liest mit, lächelt kurz und schreibt in das digitale Kommentarfeld: „Sehr gute Selbstbeobachtung. Beim nächsten Mal könnten Sie zusätzlich beschreiben, welche Wirkung die Übung auf den Patienten hatte – das vertieft Ihr Verständnis.“
Ein kurzer Austausch, keine lange Nachbesprechung – und doch entsteht ein Moment, der bleibt. Leon sieht zum ersten Mal, dass seine Gedanken festgehalten werden, dass seine Entwicklung sichtbar wird. Nicht in einer Akte, die niemand liest, sondern in einem lebendigen digitalen Portfolio, das wächst mit jedem Einsatz, jeder Erfahrung, jedem Fehler und jedem Aha-Moment.
Später, in der Pause, erzählt er leise: „Früher hatte ich das Gefühl, ich arbeite einfach nur ab. Jetzt sehe ich, was ich wirklich lerne.“ Frau Halabi nickt. Für sie ist das E-Portfolio längst mehr als eine Dokumentationspflicht. Es ist ein Spiegel des Lernens – digital, ja, aber zutiefst menschlich.
An diesem Freitag zeigt sich, was Digitalisierung bedeuten kann, wenn sie nicht Distanz schafft, sondern Nähe. Zwischen einem 19-jährigen Auszubildenden, der seinen Weg sucht, einer erfahrenen Praxisanleiterin, die Raum gibt, und einem Patienten, der spürt, dass jemand für ihn da ist. Lernen wird sichtbar, nicht, weil es festgehalten wird, sondern weil es geteilt wird.
