Shadowing – Beobachten lernen, um sicher zu handeln
Einstiegsszene
Frühmorgens auf der Station. Eine Praxisanleiterin beginnt die Medikamentenvorbereitung – und neben ihr steht eine Auszubildende, die nur eines tun soll: beobachten. Keine Verantwortung, kein Druck, nur Hinschauen, Wahrnehmen und Fragen sammeln. Was im Alltag selbstverständlich wirkt, ist eine eigenständige und wirkungsvolle Lernmethode: Shadowing.
Auch wenn der Begriff neu klingt, ist das Prinzip keineswegs neu. In früheren pflegepädagogischen Publikationen – etwa bei Martin / Mensdorf (2022) – wurde Shadowing eher unter Bezeichnungen wie „Vormachen und Beobachten“, „Mitlaufen“ oder „Zuschauen“ beschrieben. Mit der neueren Literatur, insbesondere mit den Arbeiten von Anselmann (2025), gewinnt das Konzept an Kontur: Shadowing ist heute eine klar definierte, didaktisch strukturierbare Lernmethode und kein zufälliges Beiprodukt des Stationsalltags.
Wissenschaftliche Grundlage
Die aktuelle Einordnung des Shadowings basiert vor allem auf den Arbeiten von Sebastian Anselmann (2025) und Veronika Anselmann (2025).
In der Praxisanleitungsmethode wird Shadowing als eine der grundlegenden Formen der Lernbegleitung beschrieben: Lernende beobachten erfahrene Pflegekräfte in realen Arbeitsabläufen – nicht beiläufig, sondern eingebettet in eine geplante Lernsituation. Beobachtung ist dabei nicht passiv, sondern ein aktiver Prozess, der durch vorbereitende Lernziele, klare Fokuspunkte und anschließende Reflexion strukturiert wird.
Anselmann (2025) verortet Shadowing im Rahmen des situierten Lernens: Kompetenz entsteht durch die Teilnahme an realen Situationen und durch den Austausch zwischen Expertinnen und Lernenden. Shadowing wird damit zum ersten Schritt im Cognitive Apprenticeship Model, das in vielen pädagogischen Kontexten – auch bei Martin /Mensdorf (2022) – als Grundlage für das Lernen von Expertinnen und Experten gilt.
Frühere Modelle des „Vormachens“ in der Vier-Stufen-Methode (Martin / Mensdorf, 2022) oder Konzepte des Beobachtungslernens dienten dem gleichen Prinzip, wurden jedoch nicht als eigenständige Methode beschrieben. Durch die klare Definition und Einbettung in Lernumgebungen – wie sie Anselmann (2025) vornimmt – wird Shadowing heute als bewusste, planbare Anleitungsmethode verstanden.nd stärkt das Vertrauen zwischen Lernenden und Anleitenden.
Warum Shadowing wirkt
Shadowing ist besonders hilfreich zu Beginn neuer Einsatzbereiche oder in komplexen Pflegesituationen. Es unterstützt Lernende durch:
- Orientierung: Sie gewinnen einen ersten Eindruck von Abläufen, Teamstrukturen und Prioritäten
- Entlastung: Bevor sie selbst handeln, erleben sie, wie Fachkräfte Entscheidungen treffen
- Sicherheit: Die Beobachtung schafft emotionale Sicherheit und reduziert den Leistungsdruck
- Struktur: Durch klare Beobachtungsaufträge wird aus dem „Mitlaufen“ eine fokussierte Lernhandlung
- Transfer: Beobachtetes wird anschließend in Reflexion und Exploration handlungsfähig
Was heißt das für die Praxis?
Shadowing entfaltet seine Wirkung vor allem dann, wenn es bewusst gestaltet wird. Die Praxisanleitungsmethode nach Veronika Anselmann (2025) bietet dafür einen klaren Rahmen:
1. Vorbereiten
- Lernziel für das Shadowing klären
- Beobachtungsauftrag formulieren
- Rolle der lernenden Person erläutern
2. Beobachten
- Die Praxisanleitung zeigt und erläutert ihr Handeln
- Entscheidungen werden transparent gemacht
- Das Situationsverständnis wird verbal sichtbar (z. B. durch lautes Denken)
3. Reflexion
- Gesehenes gemeinsam durchsprechen
- Muster, Entscheidungen und Unsicherheiten klären
- Verbindung zu Theorie und pflegewissenschaftlichen Grundlagen herstellen
4. Exploration
- Neue Lernziele für die nächste Anleitungssituation ableiten
- Lernende formulieren eigene Erkenntnisse
Wie Shadowing in anderen Konzepten verankert ist
Shadowing ist kein isoliertes Konzept. Es findet sich in verschiedenen Publikationen wieder – oft unter anderen Begriffen:
- In der Vier-Stufen-Methode bei Martin / Mensdorf (2022) wird das Vormachen und Beobachten als notwendiger Einstieg für das Erlernen praktischer Fertigkeiten beschrieben
- In Konzepten des situierten Lernens und des Cognitive Apprenticeship, wie Anselmann (2025) sie aufgreift, spielt das Lernen durch Beobachtung eine zentrale Rolle
- Auch in Skills-Lab-Konzepten – etwa bei Schneider (2025) – wird der Gedanke des Modelling aus der realen Praxis auf die Simulation übertragen
Damit ist Shadowing sowohl ein traditionelles als auch ein modernes Konzept: Die Handlung ist alt, die pädagogische Fundierung neu.
Frage zum Weiterdenken
Wie oft gestalten Sie Shadowing bewusst – und wie häufig passiert es eher zufällig?
