Reiz, Rhythmus, Rückzug – Neurodiversität im Rettungsdienst
Der Frühdienst beginnt früh. 06:45 Uhr, Übergabe in der Rettungswache. Noch ist es ruhig. Susanne, erfahrene Notfallsanitäterin und Praxisanleiterin, sortiert die Einsätze vom Vortag. Neben ihr sitzt Christian, Auszubildender im zweiten Lehrjahr. 21 Jahre, freundlich, motiviert – aber häufig angespannt. Susanne weiß, dass Christian ADHS hat und mit einer ausgeprägten Dyskalkulie lebt. Er spricht offen darüber, und doch scheint es oft schwer, im hektischen Praxisalltag die richtigen Unterstützungsangebote zu finden.
Heute ist ein geplanter Verlegungstransport angesetzt – keine Notfallsituation, aber mit organisatorischem Aufwand: Vitalzeichen, Übergabebogen, Medikamentenplan, Sauerstoffvorrat. Christian soll den Einsatz vorbereiten. Es dauert. Er sucht die Adressen, vertauscht Puls und Blutdruckwerte, vergisst den O₂-Flaschencheck. Susanne sagt zunächst nichts – sie beobachtet. Als sie zur Tür gehen, fragt Christian leise: „Kannst du heute die Übergabe machen? Ich krieg das grad nicht gut sortiert.“
In der Pause im Fahrzeug – Motor leise, Klimaanlage summt – entscheidet Susanne sich, nicht um das Thema herumzureden. Sie spricht direkt an, was sie wahrgenommen hat. Ohne Vorwurf, mit Ruhe: „Mir ist aufgefallen, dass dir die Vorbereitung heute schwerfiel. Was hat dich rausgebracht?“ Christian schaut aus dem Fenster. Dann sagt er: „Es sind zu viele Infos auf einmal. Ich krieg das eigentlich hin – aber nicht, wenn’s schnell gehen muss.“ Nach einem Moment fügt er hinzu: „Manchmal denk ich, ich bin einfach nicht gemacht für den Job.“
Susanne hört zu – und denkt an das „Manual of Me“, eine Methode, die sie in ihrer letzten Fortbildung kennengelernt hat. Ein persönlicher Steckbrief, den Auszubildende ausfüllen, um ihre Lernbedürfnisse sichtbar zu machen. Kein Diagnosetool, sondern eine Grundlage für individuell angepasste Anleitung. Sie schlägt Christian vor, es gemeinsam zu nutzen – nicht für die Akte, sondern für ihre Zusammenarbeit.
Am nächsten Tag bringt Christian den Zettel mit. Handschriftlich, etwas chaotisch – aber ehrlich. Unter „Was hilft mir beim Lernen?“ steht: „Wenn Abläufe als Checkliste vor mir liegen.“ – „Wenn ich vorher weiß, was drankommt.“ – „Wenn Rückmeldungen nicht zwischen Tür und Angel passieren.“ Unter „Was stresst mich?“ schreibt er: „Wenn Zahlen schnell verglichen werden müssen.“ – „Wenn ich viele Sachen gleichzeitig beachten soll.“
Susanne nimmt das ernst. Sie beginnt, kleine Ablaufkarten zu erstellen: Vitalwerte ablesen in fester Reihenfolge, Übergabebogen mit farbigen Post-its markiert. Mathematische Berechnungen übernimmt sie selbst – dafür erklärt Christian laut seine Dokumentation, um sicherzugehen, dass er sie durchdacht hat. Sie führen ein festes wöchentliches Feedbackformat ein: freitags, zehn Minuten im Pausenraum. Susanne beginnt jeweils mit einer Beobachtung: „Du hast heute ruhig dokumentiert, auch als die Angehörige nervös wurde – das war stark.“ Christian ergänzt: „Ich hab mich überfordert gefühlt, als wir die Medikamente gezählt haben – wusste aber nicht, wie ich’s sagen soll.“
Zwei Wochen später kommt es zu einer echten Notfallsituation: Atemnot, ältere Patientin, enge Wohnung, wenig Platz. Susanne leitet ruhig an. Christian unterstützt fokussiert. In der Notaufnahme übergibt er an die Pflegekraft – mit einer kleinen Karteikarte in der Hand, auf der er sich stichpunktartig vorbereitet hat. Knappe, korrekte Übergabe. Als sie zurück im Wagen sind, sagt Susanne nur: „Gute Arbeit.“ Christian nickt. „Weil ich wusste, was kommt.“
Susanne weiß, dass nicht alle Lernenden dieselben Hilfen brauchen – aber alle das Gleiche: jemanden, der hinschaut. Jemanden, der Methoden nicht als Extra sieht, sondern als Teil einer Anleitungskultur, die Vielfalt ernst nimmt. Was früher von Kolleg*innen als „unorganisiert“ bezeichnet wurde, ist jetzt ein klarer Rhythmus. Mit Struktur, Rückhalt – und einem selbstgeschriebenen Steckbrief im Seitenfach des Einsatzrucksacks.
Christian bleibt in der Ausbildung. Nicht weil alles leicht ist. Sondern weil er nicht allein damit ist.
