Reflexion einer ethischen Fallbesprechung – Lernen im Spannungsfeld
Einstiegsszene
Der Morgen beginnt ungewohnt still.
Im kleinen Besprechungsraum sitzen Pflege, Medizin, Sozialdienst und eine Auszubildende: Lea, im dritten Ausbildungsdrittel.
Vor ihnen die Situation eines Patienten, der weitere lebensverlängernde Maßnahmen ablehnt – während seine Angehörigen auf „alles, was möglich ist“ bestehen.
Ein klassisches ethisches Dilemma.
Ein Moment, der nicht nur Behandlungsteams fordert, sondern auch Lernende.
Zwischen Positionen stehen – und lernen
In ethischen Fallbesprechungen zeigt sich oft, wie unterschiedlich die Perspektiven im Versorgungsteam sein können. Pflegefachpersonen bringen Beobachtungen aus der direkten Betreuung ein, Ärztinnen und Ärzte argumentieren auf Grundlage medizinischer Prognosen, der Sozialdienst berücksichtigt die soziale Situation, und Angehörige formulieren ihre Sorgen und Erwartungen.
Für Lernende entsteht hierbei ein vielschichtiges Bild:
Welche Informationen fließen in eine Entscheidung ein?
Welche Werte, Normen und professionellen Rollen beeinflussen die Argumentation?
Wie wird abgewogen, wenn keine Option vollkommen überzeugend ist?
Gerade diese Vielfalt macht die Situation zu einem Lernmoment. Lernende erleben, dass ethische Entscheidungen nicht linear entstehen, sondern in einem Prozess des Abwägens, Nachfragens und Einordnens. Sie beobachten, wie Teammitglieder ihre Positionen begründen, Einwände aufnehmen, Unsicherheiten formulieren und schließlich gemeinsam eine Entscheidung vorbereiten.
Es ist ein Lernraum, der weniger auf „Faktenwissen“ zielt, sondern auf das Verständnis, wie Entscheidungen zustande kommen – und wie professionelle Haltung sichtbar wird.
Was macht diese Methode aus?
Im Rahmencurriculum zur Stärkung der interprofessionellen Edukation wird sie im dritten Ausbildungsdrittel verortet.
Sie fordert von Lernenden, dass sie:
- das grundlegende ethische Problem erkennen und benennen
- die Argumente aller beteiligten Personen nachzeichnen
- den Entscheidungsprozess im interprofessionellen Team beschreiben und reflektieren
- ihren eigenen Lerngewinn sichtbar machen.
Es geht nicht darum, „wer recht hat“.
Es geht darum zu verstehen, wie ethische Entscheidungen entstehen – und was das mit der eigenen Haltung macht.
Wie lässt sich das in die Praxisanleitung integrieren?
1. Rolle der Praxisanleitung: Beobachten ermöglichen
Nicht jede ethische Fallbesprechung ist offen für Auszubildende.
Aber wenn es möglich ist, sollten sie zuhören dürfen.
Praxisanleitende schaffen Transparenz: Worum geht es? Wer spricht aus welcher Rolle? Was ist der ethische Kern?
2. Strukturierte Reflexion im Einzelgespräch
Nach der Besprechung folgt das eigentliche Lernen.
Eine kurze Leitstruktur bietet Orientierung:
• Was war das zentrale ethische Problem?
• Welche Perspektiven hast du wahrgenommen?
• Welche Argumente waren dir besonders nachvollziehbar – welche weniger?
• Wie wurde eine Entscheidung vorbereitet?
• Und: Was macht das mit deiner eigenen Haltung als zukünftige Pflegefachperson?
Das ist keine Wissensabfrage – es ist Haltungsbildung.
3. Perspektivenvielfalt sichtbar machen
Hier wird der interprofessionelle Lernort kraftvoll:
Warum argumentiert Medizin anders als Pflege?
Wie bringen Therapeut*innen ihre Sicht ein?
Was treibt Angehörige an?
Diese Fragen helfen Lernenden, berufliches Selbstverständnis und Rollenprofile zu schärfen.
4. Reflexion dokumentieren
Eine kurze schriftliche Notiz im Lernportfolio macht die Entwicklung sichtbar:
Beobachtung, Kernfrage, Perspektiven, eigene Haltung.
Es sind diese kleinen Texte, die später zu großen Einsichten führen.
Warum ist diese Methode so wertvoll?
Weil ethische Entscheidungen nie „richtig“ oder „falsch“ sind.
Sie entstehen im Spannungsfeld zwischen Menschen, Werten, Wissen und Unsicherheit.
Und weil Pflegefachpersonen täglich mittendrin stehen:
bei Therapiezielklärung, Ernährung am Lebensende, Freiheitsrechten, Ressourcen, Angehörigenkonflikten.
Die Reflexion macht sichtbar:
Ethische Kompetenz ist gelebte Professionalität. Sie wächst nur dort, wo wir darüber sprechen.
Und jetzt?
Wie wäre es, beim nächsten ethischen Spannungsfall bewusst zu fragen:
Wäre das ein Lernmoment?
Und wie kann ich ihn öffnen?
Quellen / Zum Weiterlesen
- Balzer, K., Busch, J., Faber, A., Hildebrand, B., Kühn, A., Lehnen, T., Leimer, M., Lüth, F., Püschel, L., Rahn, A., Tolksdorf, K., Gahlen-Hoops, W. & Wolter, L. (2025). Rahmencurriculum zur Stärkung der interprofessionellen Edukation (interEdu): Für die berufliche und hochschulische Pflegeausbildung. Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
