Praxisanleiterin mit mehreren Auszubildenden bei der Flower-Power-Methode

Rassismusprävention in der Praxisanleitung – Methoden für Haltung, Schutz und Vielfalt

Gerade in der Praxisanleitung entscheidet sich, ob Auszubildende mit Migrationsgeschichte diese Erfahrungen benennen dürfen – oder sie als normaler Teil des Berufs verinnerlichen.

Die „Critical Incident Technique“ nutzt konkrete Vorfälle als Reflexionsanlass:
Was ist passiert?
Wie haben wir gehandelt – und wie hätten wir handeln können?

Didaktische Umsetzung:

  • kurze Fallnotizen zu kritischen Situationen (z. B. Ablehnung durch Patient*innen, abwertende Kommentare im Team)
  • strukturierte Reflexionsfragen: Was war herausfordernd? Gab es stille Vorannahmen? Welche Rolle spielten Sprache, Herkunft oder Macht?
  • Entwicklung alternativer Handlungsmöglichkeiten im Team

Die Power-Flower ist ein Reflexionswerkzeug aus der diversitätsbewussten Bildungsarbeit. Sie macht deutlich, wie Menschen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen unterschiedlich positioniert sind – sei es durch Sprache, Herkunft, Hautfarbe, Bildung oder Gesundheit.

Die Blume besteht aus mehreren Blütenblättern, die jeweils eine soziale Kategorie repräsentieren. Dabei trägt man ein:

  • ins innere Blütenblatt: Merkmale, die mit gesellschaftlicher Normalität oder Privileg verbunden sind (z. B. „weiß“, „gesund“, „deutschsprachig“)
  • ins äußere Blütenblatt: Merkmale, die eher mit Ausschluss oder Benachteiligung einhergehen (z. B. „People of Color“, „körperlich beeinträchtigt“, „nicht-muttersprachlich“)

In der Praxisanleitung kann die Power-Flower genutzt werden:

  • zur Selbstreflexion der Anleitungsperson: Welche Positionen prägen meinen Blick auf Auszubildende?
  • als Gesprächseinstieg mit Auszubildenden: Welche Unterschiede erleben wir? Wo haben wir ähnliche Erfahrungen – wo nicht?
  • im Team, um für Vielfalt, Machtverhältnisse und unbewusste Privilegien zu sensibilisieren

Die Methode wirkt, weil sie nicht mit Vorwürfen arbeitet, sondern durch Sichtbarmachung. Sie fördert Verständnis, baut Stereotype ab – und schafft eine Grundlage für rassismuskritisches Handeln im Alltag. Wichtig dabei: Anwendung nur in einem sicheren Rahmen, mit Freiwilligkeit und Raum für Nachbesprechung.

Ein diversitätssensibles Onboarding beginnt nicht mit der Frage, ob jemand „gut Deutsch spricht“,
sondern mit dem Signal: Hier wird Vielfalt mitgedacht.

Methodische Elemente im Erstgespräch:

  • offene Fragen zu bisherigen Erfahrungen und Erwartungen
  • Hinweisen auf Haltung der Einrichtung („Diskriminierung hat hier keinen Platz – wenn etwas passiert, bitte sagen Sie es uns“)
  • Erfragen individueller Bedürfnisse (z. B. religiöse Essgewohnheiten, Feiertage, Sprachpräferenzen)
  • Sichtbarmachen von Ansprechpersonen oder Beschwerdewegen

Viele Praxisanleitende erleben Ohnmacht, wenn Patientinnen oder Kolleginnen diskriminierende Aussagen treffen.
Das führt oft zu Schweigen – und damit zu stiller Bestätigung.

Argumentationstrainings helfen, Sicherheit zu gewinnen:

  • typische Sätze („Ich will nicht von einem Mann gepflegt werden“, „Die verstehen ja eh nichts“) analysieren
  • Reaktionsmöglichkeiten entwickeln („Pflege wird bei uns nach Kompetenz, nicht nach Herkunft zugeteilt“)
  • Rollenspiele mit Auszubildenden, um Sprachfähigkeit zu stärken
  • Reflexion: Welche Reaktionen stärken – und welche eskalieren?

Ziel ist keine Konfrontation um jeden Preis.
Sondern Klarheit, wie man Haltung zeigen kann – professionell und deeskalierend.

Kurze, regelmäßige Reflexionsformate schaffen genau diesen Raum:

  • One Minute Wonder: Am Ende des Tages die Frage „Was hat mich heute irritiert, bewegt oder überrascht?“
  • Wochenprotokoll: nicht nur Tätigkeiten dokumentieren, sondern auch Beziehungserfahrungen („Wo habe ich mich zugehörig gefühlt – wo nicht?“)
  • Feedback in der Anleitung: nicht nur zu Leistung, sondern auch zu Zugehörigkeit und Sichtbarkeit

Rassismusprävention ist keine Zusatzaufgabe der Praxisanleitung.

Sie ist Teil professioneller Verantwortung:
für ein lernförderliches Umfeld, für Schutz in verletzlichen Situationen und für eine Pflege, die Vielfalt nicht nur braucht – sondern trägt.