Eine Praxisanleiterin führt ein Gespräch mit einem Auszubildenden

Rassismuserfahrungen im Alltag – und was Anleitung daraus macht

Miriam, Praxisanleiterin am Universitätsklinikum, teilt wie jeden Mittwoch ihre Auszubildenden ein:
Kevin übernimmt die Verbandskontrollen, Jana assistiert bei einer Aufklärung, Samir soll eine postoperative Mobilisation begleiten – unter Anleitung.

Samir ist im zweiten Ausbildungsdrittel, engagiert, wach, beliebt im Team. Seine Eltern stammen aus Marokko, er selbst ist in Köln geboren. Ein Kollege nennt ihn manchmal scherzhaft „unsere Quote“. Miriam lacht nie mit. Heute nimmt sie sich fest vor, wieder etwas zu sagen. Aber erst einmal: der Morgen.

Samir klopft an Zimmer 12, stellt sich vor, erklärt freundlich den Ablauf.
Die Patientin – Anfang 70, wach, orientiert – schaut ihn prüfend an und sagt dann kühl:
„Ich lasse mich nicht von einem Ausländer anfassen. Holen Sie eine richtige Schwester.“

Erst Stille.
Dann ein gestammeltes „Okay“, ein Rückzug, ein hektischer Blick.
Im Stationszimmer sagt Samir: „Die Patientin auf 12 möchte lieber jemand anderen.“
Nichts weiter.

Jana übernimmt wortlos.
Miriam beobachtet die Szene.
Und merkt, wie schnell es gehen kann: Dass eine abwertende Aussage zur neutralen Entscheidung wird – wenn niemand widerspricht.

In der Pause später sagt ein Kollege: „Ach, das ist Frau K. Die ist halt alt. So sind die eben.“
Samir bleibt still. Kevin wechselt das Thema.
Miriam bleibt.

Am Nachmittag spricht sie Samir an.
Nicht zwischen Tür und Angel, sondern mit Zeit, Raum, Respekt.
Sie fragt nicht sofort, wie er sich fühlt – sondern ob er überhaupt darüber sprechen möchte. Er nickt.

Langsam erzählt er.
Von Situationen, in denen er „trotzdem nett“ bleibt, weil er es gewohnt ist.
Von Kommentaren wie „Du sprichst aber gut Deutsch“.
Von der Unsicherheit, ob das nun Rassismus ist – oder ob er einfach empfindlich ist.

Miriam hört zu.
Bestätigt.
Verbindet mit dem, was sie sieht: „Du hast professionell gehandelt – aber es war nicht deine Aufgabe, das zu tragen.“

Am nächsten Morgen nimmt sie sich das Team vor.
Sie spricht die Situation an – sachlich, klar, ohne Schuldzuweisung.
„Wir hatten gestern eine rassistische Aussage auf Station. Und ich möchte, dass wir als Anleitungsteam eine Haltung dazu entwickeln.“

Sie schlägt vor, verbindliche Standards zu erarbeiten:
Was tun wir, wenn Patient*innen ablehnen?
Wie reagieren wir auf diskriminierende Kommentare im Team?
Wie schützen wir unsere Auszubildenden – nicht irgendwann, sondern sofort?

Es wird unruhig. Ein Kollege findet das „übertrieben“. Eine andere sagt: „Endlich.“

Zwei Wochen später hängt in der Teeküche ein Aushang:
„Würde – für alle.“
Darunter: Eine kurze Handlungsanleitung bei diskriminierendem Verhalten auf Station. Kein Regelwerk. Ein Anfang.