Praxisanleitung unter Druck
Was uns die DBfK-Umfrage verrät
Ein Moment aus der Praxis
Es ist Montagmorgen. Eine Auszubildende soll ihre geplante Anleitung zur Medikamentengabe erhalten. Doch dann klingelt das Telefon, eine Kollegin fällt aus, die Station ist unterbesetzt. Die Anleiterin springt ein – und die Anleitung? Sie fällt aus. Wieder einmal.
Solche Situationen sind kein Einzelfall. Die DBfK-Umfrage 2024 zeigt: Praxisanleitung ist vielerorts kein fest verankerter Bestandteil der Ausbildung, sondern ein Zufallsprodukt.
Was die Zahlen wirklich sagen
Im März 2024 beteiligten sich über 6.000 Pflegende an der DBfK-Befragung, darunter 508 Auszubildende mit Schwerpunkt „Praxisanleitung“.
- Nur 27 % erhielten regelmäßig die vorgeschriebenen 10 % Praxisanleitungszeit.
- Mehr als ein Fünftel bekam diese Zeiten selten oder nie.
- Etwa jede/r Zweite hatte bereits einen Einsatz komplett ohne Anleitung.
Besonders gravierend sind die Ausfälle in der stationären Langzeitpflege.
Gründe: fehlende Planung, spontane Absagen, kein Nachholen.
Was bedeutet das für Sie als Praxisanleiter:in?
- Auszubildende fühlen sich unsicher und nicht ernst genommen.
- Fehlende Anleitung gefährdet die Prüfungsvorbereitung.
- Einrichtungen verlieren an Attraktivität, wenn Ausbildung als „Nebensache“ erlebt wird.
Frage an Sie: Wie konsequent wird in Ihrem Alltag die 10 %-Regel wirklich eingehalten?
Stimmen aus dem Alltag
Fall 1: Wenn Anleitung fehlt
Anna, 19, berichtet: „Ich sollte eine Anleitung zur Wundversorgung bekommen. Weil die Station im Stress war, fiel sie aus – und niemand holte sie nach.“
➡ Anna geht unvorbereitet in die Prüfungssituation.
Fall 2: Kleine Impulse, große Wirkung
Michael, 22, erzählt: „Meine Anleiterin gab mir in der Übergabe nur fünf Minuten Feedback. Aber das hat mir geholfen, klarer zu sprechen. Das nehme ich bis heute mit.“
➡ Auch Mini-Sequenzen können nachhaltige Lernprozesse anstoßen.
Und jetzt? Handlungsspielräume für Ihren Alltag
1. Struktur zählt
- Anleitung fest im Dienstplan verankern – nicht als Lückenfüller.
- Dokumentieren Sie jede Einheit: Für Transparenz und Anerkennung.
- Nutzen Sie Tools wie Anleitungskarten oder das Auszubildendenblitzlicht zur Selbst- und Fremdeinschätzung.
2. Beziehung ist der Schlüssel
- Lernen funktioniert nur in einer tragfähigen Beziehung. Kommunikation und Vertrauen sind zentral.
- Feedback muss nicht groß sein – ein Satz reicht oft schon.
- Hören Sie auf die Lernenden: Welche Fragen treiben sie gerade wirklich um?
3. Methodenvielfalt nutzen
- Vier-Stufen-Methode: klare Struktur bei praktischen Fertigkeiten.
- Leittextmethode: fördert selbstständiges Denken.
- Cognitive Apprenticeship: Lernen „am Experten“.
- Modeling mit MetaLog: Vormachen, laut Denken und anschließend im Dialog reflektieren
4. Reflexion fördern
- Stellen Sie Fragen wie: „Was war heute Ihr größtes Learning?“
- Nutzen Sie Portfolios, Blitzlichter oder kurze Gespräche.
5. Für sich selbst sorgen
- Ziehen Sie klare Grenzen. Praxisanleitung darf nicht zur „Alles-für-alle“-Rolle werden.
- Achten Sie auf Ihre Energie. Nur wer selbst stabil bleibt, kann andere begleiten.
Aber: Es braucht mehr als Engagement
- Einrichtungen sollten Praxisanleitung als Teil des Qualitätsmanagements begreifen und dafür Zeitressourcen freistellen. Dafür sollten feste Tage zur Praxisanleitung im Dienstplan verankert werden.
- Politik und Träger müssen klare Standards setzen und die Finanzierung sicherstellen.
- Ohne strukturelle Unterstützung bleibt Praxisanleitung ein Kraftakt auf den Schultern Einzelner.
Natürlich können Sie als Einzelne:r viel bewegen. Doch die Rahmenbedingungen sind entscheidend.
Ihr nächster Schritt
Die DBfK-Umfrage zeigt: Praxisanleitung darf nicht vom Zufall abhängen. Jede investierte Stunde stärkt den Nachwuchs – und die Pflege von morgen.
Frage zum Mitnehmen:
Welche eine Sache könnten Sie schon in der nächsten Woche ändern, um Ihre Anleitung verbindlicher zu machen?
