Praxisanleitung in der generalistischen Pflegeausbildung
Zwischen Anspruch, Alltag und Ausbildungsqualität
„Ich bekomme nur alle zwei Wochen mal eine richtige Anleitung – das reicht nicht, um sicher zu werden.“
Diese Stimme einer Auszubildenden steht stellvertretend für viele.
Denn obwohl die Praxisanleitung das Herzstück der neuen generalistischen Pflegeausbildung ist, zeigt sich:
Zwischen Konzept und gelebter Realität liegt eine Lücke.
Der Anspruch: Kompetenzorientiert und verbindlich
Mit dem Pflegeberufegesetz (PflBG) wurde 2020 eine klare Zielmarke gesetzt:
Praxisanleitung soll mindestens zehn Prozent der praktischen Ausbildungszeit umfassen – geplant, reflektiert, dokumentiert.
Sie ist damit kein „Kann-Baustein“, sondern ein zentraler Bestandteil der berufspädagogischen Qualitätssicherung.
Laut den BIBB-Daten bleibt diese Zielgröße in vielen Einrichtungen jedoch unerreicht.
Die Anleitung erfolgt oft spontan oder nebenbei, obwohl sie das eigentliche Bindeglied zwischen Theorie und Praxis bildet.
Die Realität: Viel Engagement, wenig Zeit
Die Erhebungsdaten des BIBB-Berichts T3 zeigen:
- Im Schnitt erleben Auszubildende 12 Praxisanleitungen pro Jahr
- die durchschnittlich nur drei Stunden dauern
- Die gesetzlich geforderte Quote wird „häufig nicht erreicht“
- Und: fehlende Praxisanleitung ist einer der Hauptgründe für Ausbildungsabbrüche oder Betriebswechsel
Die Ursachen liegen selten am fehlenden Willen:
Viele Praxisanleiter*innen sind hoch motiviert, stoßen aber auf strukturelle Grenzen – keine Freistellung, Personalmangel, Zeitdruck.
Der Lernort Praxis: Zwischen Lernchance und Überforderung
Der Lernort Praxis ist zentral für die berufliche Identitätsbildung.
Hier entscheidet sich, ob Lernen gelingt, ob Selbstwirksamkeit entsteht – oder Unsicherheit wächst.
Praxisanleiter*innen stehen dabei im Spannungsfeld zwischen Pflegeprozess, Teamorganisation und pädagogischem Auftrag.
Dort, wo Anleitung strukturiert geplant, regelmäßig reflektiert und mit der Schule abgestimmt wird, zeigen die Daten:
- Lernende erleben die Anleitung als hilfreicher
- sie bewerten die Kooperation der Lernorte positiver
- und sie fühlen sich besser vorbereitet auf komplexe Pflegesituationen
Der Schlüssel: Lernortkooperation & Haltung
Praxisanleitung ist kein Einzelprojekt.
Sie lebt von der Kooperation zwischen Schule und Praxis,
von einem gemeinsamen Verständnis, was „gute Anleitung“ bedeutet – und von der Haltung, dass Lernen mehr ist als Funktionserfüllung.
Wo Praxisanleiter*innen Zeit, Raum und Anerkennung erhalten, kann das entstehen diese Kooperation besser gedeihen.
Was Einrichtungen und Schulen tun können
Für Einrichtungen
- Zeit sichtbar machen: Anleitung als festen Arbeitsanteil (10 % Zielgröße)
- Freistellung sichern: Pädagogische Arbeit braucht planbare Räume
- Feedbackkultur leben: Gespräche nach jeder Anleitungseinheit – kurz, aber verbindlich
Für Pflegeschulen
- Praxisbegleitung vor Ort zur Regel machen – nicht zur Ausnahme
- Lernortvernetzung stärken: Gemeinsame Planung und Nachbereitung der Praxiseinsätze
- Kompetenzraster nutzen: Einheitliche Kriterien für Beurteilung und Rückmeldung
Haltung macht den Unterschied
Die Daten zeigen:
Lernende spüren, wer wirklich an ihrer Entwicklung interessiert ist.
Wo Praxisanleiter*innen präsent, reflektiert und wertschätzend agieren, entsteht Lernen, das trägt – auch bei hoher Arbeitsbelastung.
Praxisanleitung ist Beziehungsgestaltung.
Sie verlangt Fachlichkeit, Empathie und die Fähigkeit, den eigenen Berufsalltag als Lernfeld zu öffnen.
Und jetzt?
Wie gelingt es, im Pflegealltag regelmäßig Raum fürs Lernen zu schaffen?
Was braucht Ihr Team, um Anleitung als echten Lernprozess zu leben – nicht als Pflichttermin?
Vielleicht beginnt es mit einem einfachen Satz:
„Ich nehme mir Zeit für dein Lernen – nicht, wenn’s passt, sondern weil’s wichtig ist.“
Quellen / Zum Weiterlesen
- Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Erhebung zur Ausbildung in den Pflegeberufen (BENP) – Factsheet: Auszubildende der Pflegeberufe 2023. Bundesinstitut für Berufsbildung.
- Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Begleitforschung des Veränderungsprozesses zur Einführung der neuen Pflegeausbildungen – BENP II. Bonn: BIBB.
- Übergabe | Medien für die Pflege. (2025, 10. Mai). Generalistische Pflegeausbildung auf dem Prüfstand (Dr. Markus Wochnik & Daniel Großmann).
