Ein Auszubildender bereite mit Hilfe eines Taschenrechners eine Infusion vor

Neurodiversität methodisch begleiten

Die Pflegeausbildung ist herausfordernd – nicht nur fachlich, sondern auch neuro-kognitiv.
Denn sie verlangt:
hohe Reiztoleranz, soziale Flexibilität, exekutive Funktionen, schnelle Verarbeitung, Selbstorganisation.

  • Was hilft mir beim Lernen?
  • Was stresst mich?
  • Wie gebe ich am besten Rückmeldung?
  • In welchem Modus kommuniziere ich klar?

Die Praxisanleitung nutzt dieses Dokument, um Lernsituationen gezielt anzupassen –
nicht als Sonderweg, sondern als pädagogische Passung.

Komplexe Aufgaben überfordern, wenn sie verbal oder „nebenbei“ vermittelt werden.
Viele neurodivergente Lernende profitieren von:

  • Schritt-für-Schritt-Checklisten
  • Ablaufdiagrammen (z. B. für Verbandswechsel oder Übergaben)
  • visuellen Zeitplänen (Was? Wann? Wie lang?)
  • Farb-Codierung von Prioritäten („rot = zuerst“, „blau = kann warten“)

Das reduziert kognitive Last – und verhindert, dass Rückfragen als „Unfähigkeit“ gedeutet werden.

Wirksam bei: ADHS, exekutiven Schwächen, Legasthenie

Der Praxisalltag ist oft laut, grell, hektisch. Das muss nicht so bleiben.

Konkrete Reizschutz-Maßnahmen:

  • Kopfhörer bei Dokumentation
  • abgeschirmter Arbeitsplatz (z. B. Wandplatz statt Flur)
  • klare Absprachen: Wann ist Ansprechzeit, wann Rückzugszeit
  • „Pause“ als Lernzeit: kurze sensorische Entlastung zur Fehlervermeidung

Viele neurodivergente Auszubildende erleben Feedback nicht als Hilfe, sondern als Überforderung.

Das 4-Phasen-Modell hilft:

  1. Kontakt aufbauen: „Ich will mit dir über etwas sprechen, das uns helfen kann.“
  2. Beobachtung schildern: ohne „immer“, „nie“ – konkret, sachlich
  3. Sicht der Auszubildenden hören: aktiv zuhören
  4. Lösungsphase: Was könnte anders laufen? Was würde helfen?

So entsteht Dialog statt Defizitgespräch.

Wirksam bei: Autismus, ADHS, sozialkommunikativen Unterschieden

Konkret einsetzen bei:

  • Legasthenie: Text-to-Speech, OCR-Scanner, Vorlesefunktion
  • Dyskalkulie: standardisierte Umrechnungstabellen, Vier-Augen-Prinzip, Rechentools

Neuro-inklusive Umsetzung:

  • Aufgaben in klare Phasen unterteilen (Vorbereitung – Durchführung – Reflexion)
  • mit Lernenden vorab Ziel und Kriterien klären
  • Reflexionsfragen standardisieren („Was war schwer?“ statt: „Na, wie war’s?“)

Viele dieser Methoden wirken nicht nur bei „Diagnose“, sondern bei allen Lernenden.