Es gibt diesen Moment am Ende einer Anleitung, den wahrscheinlich jede Praxisanleitende kennt. Die Situation ist abgeschlossen, der Azubi hat alles gemacht – und trotzdem bleibt eine leise Unsicherheit. War das gut? Hat sie das wirklich verstanden, oder hat sie nur die richtigen Handgriffe in der richtigen Reihenfolge ausgeführt?
Diese Unsicherheit ist kein Zeichen mangelnder Aufmerksamkeit. Sie ist ein Zeichen, dass Sie über Beurteilung nachdenken – und nicht nur über Tätigkeiten. Der Unterschied liegt in einem einzigen Wort: Kriterien. Wer vorher festlegt, woran er etwas erkennt, muss am Ende nicht raten.
Am Montag haben wir formative von summativer Beurteilung getrennt. Heute geht es einen Schritt weiter: Wie wird aus einem Lernziel ein konkretes Beobachtungsraster – und wie hilft ein KI-Prompt dabei, in zwei Minuten dorthin zu kommen?
Warum eine Rubrik den Unterschied macht
Ein Lernziel beschreibt, was am Ende einer Anleitungssituation erreicht sein soll. Eine Rubrik beschreibt, woran man das erkennt – und auf welchem Entwicklungsstand sich jemand gerade befindet. Das klingt nach einem kleinen Unterschied. In der Praxis ist es ein erheblicher.
Ohne Kriterien beruht jede Einschätzung auf Erfahrung und Gefühl. Das ist nicht wertlos – aber es ist auch nicht teilbar. Wenn zwei Praxisanleitende dieselbe Auszubildende in derselben Situation unterschiedlich einschätzen, liegt das selten an der Auszubildenden. Es liegt daran, dass jede:r andere Maßstäbe anlegt, ohne dass das je explizit gemacht wurde. Eine Mini-Rubrik mit drei bis vier Beobachtungskriterien löst dieses Problem – und sie muss nicht aufwändig sein, um zu wirken.
Bevor Sie den Prompt eingeben: keine Klarnamen.
KI-Tools wie ChatGPT verarbeiten Eingaben auf externen Servern. Namen von Patient:innen oder Auszubildenden gehören nicht hinein – auch nicht in einem scheinbar harmlosen Kontext. Nutzen Sie stattdessen Rollenbeschreibungen: „Auszubildende, 2. Drittel“ statt eines Namens, „Patient, 78 J., Hypertonie“ statt einer konkreten Person. Das Ergebnis ist genauso präzise – und DSGVO-konform.
Der Prompt – zum Kopieren
Ich bin Praxisanleiter:in in der [ambulanten Pflege / stationären
Altenpflege / Klinik] und begleite eine:n Auszubildende:n im
[ersten / zweiten / dritten Ausbildungsdrittel].
Anleitungssituation: [Situation kurz beschreiben – ohne Namen]
Lernziel: [Lernziel eintragen]
Erstelle eine Mini-Rubrik mit 3–4 konkreten Beobachtungskriterien.
Jedes Kriterium soll:
– direkt beobachtbar sein (kein Urteilen über Einstellungen)
– drei Stufen abbilden: „noch nicht sicher" / „mit Unterstützung" /
„selbstständig"
– mit einem kurzen Beispiel aus dem Pflegealltag illustriert sein
Format: Tabelle
Spalten: Kriterium | noch nicht sicher | mit Unterstützung |
selbstständig
Was macht diesen Prompt präziser als eine allgemeine Anfrage? Er gibt der KI genau das, was sie braucht, um kein Lehrbuch zu produzieren: einen konkreten Kontext, ein klares Lernziel und ein festgelegtes Ausgabeformat. Wer stattdessen schreibt „Erstelle eine Beurteilungsrubrik für die Pflege“, bekommt etwas, das nach allem und nach nichts klingt. Die vier Parameter – Setting, Ausbildungsstand, Situation, Lernziel – sind der Unterschied zwischen einem generischen Ergebnis und einem Raster, das am nächsten Morgen im Dienst tatsächlich nutzbar ist.
Ein Beispiel aus der ambulanten Pflege
Die Situation ist überschaubar, aber pädagogisch ergiebig: Auszubildende im zweiten Drittel, Frühdienst, ambulant. Ein Patient mit bekannter Hypertonie, 78 Jahre alt. Die Aufgabe lautet, Vitalzeichen zu erheben und zu dokumentieren.
Das Lernziel, ausgefüllt in den Prompt: Die Auszubildende kann Vitalzeichen bei bekannter Hypertonie selbstständig erheben, situationsbezogen einordnen und so dokumentieren, dass nachfolgende Kolleg:innen informiert sind.
Das ist der Moment, in dem der Prompt eingesetzt wird – nicht während der Anleitung, sondern am Abend davor, in der Vorbereitung. Das Ergebnis:
| Kriterium | Noch nicht sicher | Mit Unterstützung | Selbstständig |
|---|---|---|---|
| Blutdruckmessung technisch korrekt durchführen | Manschette sitzt falsch oder Messung wird ohne Reflexion wiederholt (z. B. direkt nach Aufregung) | Positionierung nach Hinweis korrekt; kennt die Voraussetzungen für eine valide Messung | Führt Messung eigenständig durch, wählt den richtigen Zeitpunkt und erklärt ihr Vorgehen |
| Werte situationsbezogen einordnen | Nennt den Wert, ohne ihn zu bewerten: „135/88 – fertig“ | Ordnet Wert mit Nachfrage ein: „Ist das bei diesem Patienten normal?“ | Vergleicht Wert mit Grundwert, benennt Abweichung und handelt entsprechend (z. B. Rücksprache mit Pflegeleitung) |
| Dokumentation vollständig und aussagekräftig | Trägt nur Zahlenwerte ein, ohne Kontext | Ergänzt Kontext nach Aufforderung: „Er war gerade aufgestanden“ | Dokumentiert Wert, Kontext und Einschätzung – so dass Nachfolgende ohne Rückfrage informiert sind |
| Kommunikation mit dem Patienten | Kein Erklären; Patient wird „abgemessen“ | Erklärt auf Nachfrage, was sie tut | Informiert den Patienten von sich aus, reagiert auf seine Fragen ruhig und klar |
Das Ergebnis ist nicht perfekt – aber es ist ein Arbeitsraster. Und es entstand in zwei Minuten.
Was Praxisanleitende damit machen
Die Rubrik ist kein Formular zum Abhaken. Sie ist eine Gesprächsgrundlage – und das ist ein wichtiger Unterschied. Wer sie als Checkliste benutzt, verliert ihren eigentlichen Wert. Wer sie als Sprache benutzt, gewinnt etwas: die Möglichkeit, in der Nachbesprechung präzise zu sein, ohne zu bewerten.
Wählen Sie vor der Anleitung zwei Kriterien aus, die für diesen Ausbildungsstand und diese Situation besonders relevant sind. Mehr braucht es nicht. Und wenn es in der Nachbesprechung darum geht, was gut war und was noch nicht, dann gibt die Rubrik dem Gespräch einen Rahmen: nicht „Das war gut“ – sondern „Bei der Einordnung der Werte warst du auf Stufe zwei. Was hättest du gebraucht, um den Schritt selbst zu machen?“
Eines bleibt dabei immer klar: KI schärft Kriterien – sie bewertet nicht. Die Einschätzung, auf welcher Stufe jemand heute war, liegt bei Ihnen. Die Rubrik gibt Ihnen die Sprache dafür.
Wo diese Methode besonders gut funktioniert
Am stärksten ist die Mini-Rubrik dort, wo eine Tätigkeit auf den ersten Blick eindeutig aussieht, aber pädagogisch mehr steckt als die reine Ausführung. Vitalzeichen erheben ist ein gutes Beispiel – aber das gilt genauso für Verbandswechsel, Übergaben, Erstgespräche mit Patient:innen oder die Medikamentengabe. Und besonders wertvoll wird sie in Situationen, die sich wiederholen: weil dieselbe Rubrik dann nicht nur eine Momentaufnahme liefert, sondern Entwicklung über Zeit sichtbar macht.
Worauf man bei den Ergebnissen achten sollte
Ein KI-Ergebnis ist ein Entwurf, kein Endprodukt. Vier Fragen helfen dabei, ihn zu prüfen: Sind die Kriterien wirklich beobachtbar, oder beschreiben sie Haltungen und Einstellungen, die man nicht sehen kann? Sind die Stufen trennscharf genug, oder könnte „mit Unterstützung“ und „selbstständig“ je nach Tagesform verwechselt werden? Passen die Beispiele zur konkreten Situation, oder klingen sie generisch? Und fehlt vielleicht ein Kriterium, das für diesen Ausbildungsstand besonders relevant gewesen wäre?
Wenn etwas nicht passt, ist der einfachste Weg ein direkter Korrekturbefehl im selben Chat-Fenster: „Kriterium 3 ist zu vage. Konkretisiere es für die ambulante Pflege, wo wir uns im häuslichen Umfeld des Patienten befinden.“ Die KI arbeitet dann auf der bestehenden Grundlage weiter – kein neuer Prompt, kein neuer Anlauf.
Typische Fehler
Der häufigste Fehler ist ein Prompt, der zu wenig gibt: kein Setting, kein Ausbildungsstand, kein Lernziel. Das Ergebnis klingt dann nach Lehrbuch. Der zweite – und folgenreichere – Fehler ist, das Raster ungeprüft zu übernehmen. Die KI kennt diese konkrete Person und diese konkrete Situation nicht. Sie schon.
Praxistipp der Woche
Nehmen Sie eine Anleitungssituation, die Sie in den nächsten drei Tagen begleiten. Formulieren Sie das Lernziel in einem Satz. Dann geben Sie den Prompt ein – ohne Namen, nur mit Rollenbeschreibungen – und schauen, welches Kriterium Sie sofort nutzen würden und welches Sie anpassen müssten. Mehr braucht es zum Einstieg nicht.
Die Mini-Rubrik macht aus einem Lernziel eine Beobachtungssprache. Sie müssen nicht mehr raten, ob etwas gut war – Sie können es benennen.


