Kompetenzorientiert prüfen: Wie Praxisanleitende sich besser vorbereiten können
Ein Moment aus der Praxis
Die Tür zum Patientenzimmer fällt leise ins Schloss. Lea, Auszubildende im dritten Lehrjahr, beginnt ihre praktische Abschlussprüfung. Neben ihr steht Martin, Praxisanleiter seit über zehn Jahren. Während Lea die Pflege plant, den Kontakt zur Patientin aufnimmt und ihre Entscheidungen begründet, wird Martin unruhig.
Früher war klar, was geprüft wurde, denkt er. Heute geht es um Kompetenzen – aber woran erkenne ich die eigentlich sicher?
Diese Unsicherheit ist kein Einzelfall. Viele Praxisanleitende wurden noch nach dem Krankenpflegegesetz ausgebildet. Die kompetenzorientierte Prüfung der generalistischen Pflegeausbildung verlangt jedoch ein anderes Verständnis von Lernen, Anleitung und Bewertung.
Wissenschaftliche Grundlagen einfach erklärt
Mit dem Pflegeberufegesetz wurde ein Paradigmenwechsel vollzogen: Weg von der reinen Tätigkeitsorientierung, hin zur Kompetenzorientierung. Kompetenzen umfassen nicht nur fachliches Können, sondern auch Entscheidungsfähigkeit, Kommunikation, ethisches Handeln und reflektiertes Vorgehen in komplexen Pflegesituationen.
In der praktischen Prüfung bedeutet das: Auszubildende sollen nicht zeigen, dass sie etwas tun können, sondern warum sie es tun, wie sie Prioritäten setzen und wie sie auf unvorhergesehene Situationen reagieren. Bewertet wird das professionelle Handeln im Kontext – nicht die fehlerfreie Ausführung einzelner Schritte.
Für Praxisanleitende ist das anspruchsvoll. Viele fühlen sich unsicher in der Beurteilung von Kompetenzen, weil diese nicht immer direkt beobachtbar sind. Hinzu kommt, dass berufspädagogische Bewertungskompetenz in früheren Weiterbildungen oft nur eine untergeordnete Rolle spielte.
Bedeutung für die Praxis
Kompetenzorientierte Prüfungen können nur dann gelingen, wenn auch die praktische Ausbildung kompetenzorientiert gestaltet ist. Wer Auszubildende über Jahre hinweg vor allem Tätigkeiten „abarbeiten“ lässt, bereitet sie nicht ausreichend auf eine Prüfung vor, in der eigenständiges Denken und Handeln gefragt sind.
Studien und Umfragen zeigen zudem, dass die gesetzlich vorgesehene Anleitungszeit in der Praxis häufig nicht ausgeschöpft wird. Fehlende Zeit, Personalmangel und unklare Strukturen führen dazu, dass Anleitung oft informell oder verkürzt stattfindet. Das hat Folgen: Auszubildende fühlen sich unsicher, Praxisanleitende stehen unter Druck, und Prüfungen werden als Belastung statt als Lernchance erlebt.
Dabei ist gute Praxisanleitung ein entscheidender Faktor für Ausbildungsqualität, Berufszufriedenheit und langfristige Personalbindung – in allen Settings, von der Akutpflege über die Langzeitpflege bis hin zur ambulanten Versorgung und Psychiatrie.
Konkrete Handlungsempfehlungen
Praxisanleitende können viel tun, um sich selbst und ihre Auszubildenden besser vorzubereiten:
Anleitungszeit schützen: Bestehen Sie auf der vorgesehenen Zeit – Qualität entsteht nicht nebenbei.
Pädagogisches Wissen gezielt erweitern: Nutzen Sie Fortbildungen, um Kompetenzorientierung, Prüfungsformate und Bewertungslogiken besser zu verstehen.
Anleitung bewusst strukturieren: Planen Sie Anleitungssituationen entlang realer Pflegesituationen und beziehen Sie Reflexion systematisch ein.
Kompetenzen sichtbar machen: Lassen Sie Auszubildende Entscheidungen begründen, Alternativen abwägen und ihr Handeln reflektieren.
Prüfungssituationen simulieren: Fallbesprechungen, Simulationen oder strukturierte Übungsprüfungen geben Sicherheit.
Bewertungskriterien klären: Arbeiten Sie mit transparenten Kriterien und tauschen Sie sich mit Kolleg:innen und Pflegeschulen aus.
Nächste Schritte
Die generalistische Ausbildung ist noch jung. Jetzt ist der Zeitpunkt, Erfahrungen systematisch auszuwerten und Praxisanleitende gezielt zu unterstützen. Einrichtungen sind gefordert, Praxisanleitung strukturell abzusichern und pädagogisch weiterzuentwickeln.
Für Praxisanleitende selbst gilt: Kompetenzorientierung ist lernbar. Sie erfordert Offenheit, Reflexion und den Mut, alte Routinen zu hinterfragen. Wer sich darauf einlässt, stärkt nicht nur die Auszubildenden – sondern auch die eigene professionelle Rolle.
Quellen / Zum Weiterlesen
- Anselmann, V., Anselmann, S., & Bohn, B. (Hrsg.). (2025). Die Praxisanleitungsmethode: Pädagogische Gestaltung von Lernumgebungen in der Pflege. Springer.
- Balzer, K., Busch, J., Faber, A., Hildebrand, B., Kühn, A., Lehnen, T., … Wolter, L. (2025). Rahmencurriculum zur Stärkung der interprofessionellen Edukation in der beruflichen und hochschulischen Pflegeausbildung (interEdu). Bundesinstitut für Berufsbildung.
- Bundesministerium für Gesundheit. (2017). Pflegeberufegesetz (PflBG). BGBl. I S. 2581.
- Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). (2024). Umfrage zur Praxisanleitung in der Pflegeausbildung. DBfK Bundesverband.
- Glodek, M., et al. (2024). Kompetenzorientierte Leistungsbewertung in der Pflegeausbildung: Herausforderungen und Perspektiven. Pflege & Gesellschaft, 29(4), 335–349.
- Mamerow, R. (2021). Praxisanleitung in der Pflege (7. Aufl.). Springer.
