Gewaltprävention beginnt im Dazwischen
Der Frühdienst beginnt gerade, als Lukas merkt, dass heute etwas anders ist.
Nicht laut. Nicht offensichtlich. Eher wie ein leises Ziehen im Bauch, das man zunächst ignoriert, weil der Dienstplan voll ist und der Kaffee noch nicht wirkt.
Mara, Auszubildende im zweiten Ausbildungsdrittel, läuft neben ihm her. Sonst stellt sie Fragen, kommentiert Abläufe, ist präsent. Heute bleibt sie auffällig still. Beim Betreten des Zimmers von Herrn K. zieht sie unmerklich die Schultern hoch. Als der Bewohner beim Waschen die Hand hebt und scharf sagt: „Jetzt lassen Sie das!“, erstarrt sie für einen Moment. Lukas übernimmt wortlos, führt die Pflege routiniert zu Ende. Zu routiniert vielleicht.
Im Flur fragt er beiläufig: „Alles okay?“
Mara nickt. Zu schnell.
Im Laufe des Vormittags wiederholt sich das Bild. Herr K. wird unruhig, spricht laut, beschimpft sie, als sie ihm die Tabletten reicht. Einmal schlägt er nach ihrer Hand. Nicht fest. Aber deutlich genug. Niemand sagt etwas. Auch Lukas nicht – zumindest nicht sofort. Der Gedanke ist da: Das passiert hier öfter. Er meint es nicht so. Mara muss das lernen.
Erst in der Pause fällt ihm auf, dass sie zittert, während sie ihr Brot auspackt. „Das gehört dazu, oder?“, fragt sie schließlich leise. „Man muss sich wohl ein dickeres Fell zulegen.“
Dieser Satz trifft Lukas härter als der Übergriff selbst.
Er erinnert sich an viele ähnliche Situationen aus seiner eigenen Ausbildung. An das frühe Lernen, Gefühle wegzuschieben. An das schleichende Abkühlen. Cool-out. Nicht aus Gleichgültigkeit – sondern aus Notwendigkeit, um zu funktionieren.
Er entscheidet sich, nicht weiterzumachen wie immer.
Nach dem Dienst setzt er sich mit Mara zusammen. Nicht im Beisein des Teams, nicht zwischen Tür und Angel. Er sagt nicht: „So ist das eben.“ Er sagt: „Das ist nicht in Ordnung. Und wir reden darüber.“
Sie erzählt, wie überfordert sie sich fühlt. Wie nah ihr Herr K. plötzlich ist. Wie sehr sie sich schämt, nichts gesagt zu haben. Lukas hört zu. Unterbricht nicht. Bagatellisiert nicht.
Gemeinsam gehen sie die Situation noch einmal durch. Nicht um Schuld zu verteilen, sondern um zu verstehen. Was macht Herrn K. so aggressiv? Schmerzen? Angst? Überforderung? Und vor allem: Was braucht Mara, um sich sicher zu fühlen?
Am nächsten Tag nutzt Lukas gezielt Zeit für Praxisanleitung. Er lässt Mara eine Übung zur Nähe- und Distanzwahrnehmung machen. Sie sprechen über Grenzen – körperliche und emotionale. Er lässt sie im Rollenspiel ein professionelles „Nein“ formulieren. Nicht trotzig. Klar. Fachlich.
„Ich fühle mich gerade unsicher und brauche Unterstützung.“
Es fühlt sich ungewohnt an. Aber richtig.
Auch das Team bezieht er ein. Nicht anklagend, sondern reflektierend. „Was passiert hier regelmäßig – und was nehmen wir schon gar nicht mehr wahr?“ Die Diskussion ist nicht bequem. Aber ehrlich.
Als Mara einige Wochen später erneut mit Herrn K. arbeitet, ist sie nicht allein. Sie kündigt jeden Schritt an, hält Distanz, holt frühzeitig Hilfe. Herr K. bleibt unruhig – aber die Situation eskaliert nicht. Und selbst wenn: Sie weiß nun, dass sie nicht aushalten muss, um dazuzugehören.
Am Ende des Einsatzes sagt sie: „Ich dachte immer, stark sein heißt, nichts an sich ranzulassen. Jetzt weiß ich: Stark sein heißt, Grenzen zu erkennen.“
Lukas nickt. Für ihn ist klar:
Gewaltprävention beginnt nicht beim Regelwerk.
Und Traumasensibilität nicht bei der Krise.
Sie beginnen dort, wo Praxisanleitung hinschaut,
wo sie stoppt, reflektiert –
und Haltung zeigt.
