Digital begleiten – Lernen sichtbar machen mit dem E-Portfolio
Einstiegsszene
Ein Tablet auf dem Stationsstützpunkt. Daneben sitzt Emre, Auszubildender im zweiten Jahr.
Er scrollt durch sein digitales Portfolio, fügt ein Foto der heutigen Wundversorgung ein und schreibt darunter:
„Heute habe ich mich zum ersten Mal sicher gefühlt.“
Seine Praxisanleiterin beugt sich leicht vor, liest mit und fragt:
„Was genau hat dir Sicherheit gegeben?“
Ein kurzer Moment – und ein tiefer Lernprozess.
Vom Sammelordner zur Lernplattform
Das E-Portfolio ersetzt nicht einfach den klassischen Praxisordner. Es verändert die Art, wie Lernen dokumentiert, reflektiert und begleitet wird.
Statt lose Zettel und handschriftliche Notizen:
→ Ein digitaler Raum, in dem Lernende Erfahrungen festhalten, Ziele formulieren und Fortschritte sichtbar machen.
→ Ein gemeinsames Werkzeug für Lernende, Praxisanleitende und Schule.
Das E-Portfolio wird damit zur Schnittstelle zwischen den Lernorten – und zur Brücke im Theorie-Praxis-Transfer.
Warum es sich lohnt
Digitale Portfolios fördern die Selbststeuerung, weil Lernende aktiv auswählen, was sie dokumentieren und reflektieren möchten.
Gleichzeitig bieten sie Praxisanleitenden die Möglichkeit, Feedback zeitnah und ortsunabhängig zu geben.
In der Praxis bedeutet das:
- Lernende werden Autor:innen ihres Lernens.
- Praxisanleiter:innen sehen Entwicklung über Wochen und Einsätze hinweg.
- Schulen können Lernfortschritte gezielt aufgreifen.
Praxisnah umgesetzt
Ein E-Portfolio muss kein komplexes IT-Projekt sein. Entscheidend ist, dass es niedrigschwellig und konsequent genutzt wird.
Drei erprobte Umsetzungswege:
Gemeinsame Cloud-Lösung:
Eine datenschutzkonforme Cloud (z. B. Nextcloud) mit klaren Zugriffsrechten schafft Transparenz zwischen Schule, Einrichtung und Lernenden – besonders hilfreich bei wechselnden Einsätzen.
Lernplattform-Integration:
Viele Pflegeschulen nutzen Moodle, ILIAS oder MS Teams. Hier lassen sich Portfolio-Vorlagen (z. B. Lernziele, Reflexionsfragen, Beurteilungsbögen) direkt digital ausfüllen und kommentieren.
Tablet-basierte Apps:
Tools wie Mahara, OneNote oder Padlet ermöglichen eine strukturierte Dokumentation mit Texten, Fotos und Videos.
Praxisanleiter:innen können Feedback über Freigaben oder Kommentarspalten einfügen.
Ein Blick in die Praxis – Vorbild UK Düsseldorf
Ein gelungenes Beispiel, wie Lernprozesse strukturiert begleitet und dokumentiert werden können, liefert das Universitätsklinikum Düsseldorf mit seinem Konzept „kompetent pflegen lernen“.
Hier wird die gesamte praktische Ausbildung durch ein digitales Ausbildungsnachweissystem gesteuert.
Das System verbindet:
- Praxisanleitung, Ausbildungsgespräche und Kompetenzentwicklung,
- klare Formularstrukturen für Orientierung, Entwicklung und Evaluation,
- sowie die Verknüpfung von Theorieinhalten und praktischen Lernzielen in einer digitalen Kompetenzmatrix.
Jede Praxisanleitung wird hier dokumentiert, reflektiert und mit Lernempfehlungen ergänzt – ein Ansatz, der sich direkt in E-Portfolio-Strukturen überführen lässt.
Das UKD zeigt damit exemplarisch, wie Digitalisierung Lernprozesse nicht ersetzt, sondern sichtbar, nachvollziehbar und vernetzter macht.
So gelingt der Einstieg
Schritt 1: Im Einführungsgespräch gemeinsam festlegen, welche Lernziele dokumentiert werden.
Schritt 2: Praxisanleiter:in gibt gezielte Reflexionsimpulse („Welche Situation hat Sie herausgefordert?“).
Schritt 3: Wöchentlich 10 Minuten Portfolio-Zeit fest im Dienstplan verankern.
Schritt 4: Rückmeldung nicht nur schriftlich – auch als Sprachnotiz oder kurzer Videokommentar möglich.
Was Einrichtungen beachten sollten
Ein digitales Portfolio funktioniert nur, wenn es strukturell gewollt ist:
- Zeitfenster für Portfolioarbeit müssen eingeplant werden.
- Geräte und Zugänge müssen bereitstehen.
- Datenschutz und pädagogisches Ziel müssen geklärt sein.
Führungskräfte sollten es nicht als zusätzliche Dokumentationslast, sondern als Instrument der Lernqualität verstehen.
Und jetzt?
Das E-Portfolio ist mehr als ein digitales Heft. Es ist ein Lernraum – flexibel, lebendig, dialogisch.
Wer es konsequent nutzt, begleitet Lernende nicht nur, sondern sichtbar.
Frage zum Weiterdenken:
Wie könnten Sie in Ihrer Einrichtung den ersten Schritt in Richtung digitales Portfolio wagen – vielleicht mit nur einem Lernenden, einem Tablet und einem offenen Gespräch?
Quellen / Zum Weiterlesen
- Universitätsklinikum Düsseldorf, Ausbildungszentrum für Gesundheitsberufe, Fachbereich Pflege. (2021). Ausbildungsnachweis – kompetent pflegen lernen: Leitfaden für die praktische Ausbildung am Universitätsklinikum Düsseldorf. Universitätsklinikum Düsseldorf.
- Martin, J., & Stährmann, B. (2022). Praxisanleitung in der generalistischen Pflegeausbildung: Hintergründe, Konzepte, Probleme, Lösungen (6., erweiterte und überarbeitete Auflage). W. Kohlhammer. S. 86 ff
- Portfolio Template für Padlet
- Eigene Cloud-Plattform mit Nextcloud
- Portfolio Templates in Notion
