Der Gallery Walk – Lernen auf dem Flur
Einstiegsszene
Der Stationsalltag ist selten leise. Übergabe, Klingeln, Medikamentenrunde, Angehörigengespräche. Und doch gibt es sie: diese Zwischenräume, in denen der Flur für wenige Minuten ruhiger wird. Der Moment nach der Vitalzeichenkontrolle. Der Weg zurück vom Patientenbad. Die Zeit, in der der Aufzug einfach nicht kommt.
Genau diese Übergänge eignen sich für etwas, das im Pflegealltag oft zu kurz kommt: gemeinsames, sichtbares, strukturiertes Lernen.
Der Gallery Walk nutzt genau dieses Potenzial – und macht einen ganz normalen Stationsflur zu einem Lernort.
Ein Flur. Fünf Auszubildende. Ein echter Patient.
Und eine Methode, die Wissen, Verantwortung und professionelle Haltung verbindet.
Der Gallery Walk als Strukturmodell für Gruppenanleitung
Immer mehr Einrichtungen greifen die Methode auf – nicht als „kreative Idee“, sondern als praxisnahe Lernform, die sich besonders für Gruppenanleitungen eignet.
Typische Merkmale einer gelungenen Umsetzung:
- ein realer Patient mit komplexem Pflegebedarf
- klare Analysegrundlage (z. B. ABEDLs)
- Einzelarbeiten, keine Gruppenprodukte
- analoge oder digitale Exponate (Poster, QR-Codes, Diagramme)
- feste Präsentationsfläche im Flur oder Besprechungsraum
- anschließende Reflexion im Team oder in der Ausbildungsgruppe
Der Gallery Walk wird dadurch nicht zum Poster-Projekt, sondern zu einem sichtbaren Kompetenzformat.
Was macht den Gallery Walk aus?
1. Lernen am echten Patienten
Die Analyse beruht auf realen Beobachtungen, Dokumentation, Gesprächen und Pflegesituationen.
Das schafft Relevanz – und Verbindlichkeit.
2. Ein Thema, ein Fokus pro Exponat
Jede Person wählt eine Maßnahme, die für diesen Patienten bedeutsam ist:
Verbandswechsel, Blutzucker, Infusion, Mobilisation, Basale Stimulation.
Eine Maßnahme. Eine Darstellung. Ein klarer fachlicher Fokus.
3. Einzelarbeit – kollektives Lernen
Alle arbeiten getrennt, präsentieren aber gemeinsam.
So entsteht Vielfalt ohne Konkurrenzdruck.
4. Sichtbarkeit statt Textfülle
Ein gutes Exponat zeigt Abläufe, Prioritäten, Begründungen – Struktur schlägt Masse.
5. Der Flur wird zum Lernraum
Wenn die Exponate hängen, passiert etwas Bemerkenswertes:
Pflegefachpersonen, Auszubildende und Praxisanleitende sehen denselben Patienten – und entdecken unterschiedliche Perspektiven.
6. Reflexion macht den Unterschied
Der eigentliche Lerneffekt entsteht nicht beim Basteln, sondern im Vergleich:
Was würde ich morgen am Patienten anders machen?
Warum priorisiert jemand anderes anders?
Welche Risiken wurden übersehen?
Welche Begründungen überzeugen?
Was ein guter Gallery Walk leisten muss
- Ein klar definierter Rahmen
Zeitvorgabe, Material, Erwartung an Tiefe und Umfang. - Echte pflegerische Relevanz
Kein theoretisches Thema, sondern eine spürbare Herausforderung aus dem Alltag. - Ergebnisoffene Reflexion
Kein „richtig/falsch“.
Sondern: Wie denke ich als Pflegefachperson? - Dokumentation für die Lernentwicklung
Fotos, Notizen, kurze Reflexionen – sichtbar im Portfolio. - Niederschwellige Umsetzung
Ein Flur genügt.
Ein Besprechungsraum.
Oder ein digitales Whiteboard. - Wertschätzung der individuellen Leistung
Jede Person trägt ein eigenes Ergebnis bei – ein wichtiges Element professioneller Identitätsbildung.
Warum der Gallery Walk heute wertvoller ist denn je
- Er schafft strukturierte Anleitung, auch wenn Zeit knapp ist
- Er zeigt pflegerische Denkwege, nicht nur Ergebnisse
- Er fördert Reflexion, ein Kernelement pflegerischer Professionalität
- Er unterstützt Selbstständigkeit und verantwortungsbewusstes Handeln
- Er stärkt das Teamgefühl, weil Wissen sichtbar geteilt wird
Und vor allem:
Der Gallery Walk macht deutlich, dass Pflege mehr ist als Handlung – sie ist eine interpretierte, begründete, reflektierte Profession.
Und jetzt?
Welche Wand auf Ihrer Station könnte morgen ein Lernraum sein?
Und welches Thema aus der Versorgung eines realen Patienten wäre ein Exponat wert?
Quellen / Zum Weiterlesen
- Balzer, K., Busch, J., Faber, A., Hildebrand, B., Kühn, A., Lehnen, T., Leimer, M., Lüth, F., Püschel, L., Rahn, A., Tolksdorf, K., Gahlen-Hoops, W. & Wolter, L. (2025). Rahmencurriculum zur Stärkung der interprofessionellen Edukation (interEdu): Für die berufliche und hochschulische Pflegeausbildung. Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
