Eine Praxisanleiterin unterstützt einen Auszubildenden bei großer psychischer Belastung

Das ALGEE-Konzept – ein Gesprächsleitfaden für schwierige Situationen in der Praxisanleitung

Viele Praxisanleitende beschreiben genau diese Situation als besonders herausfordernd. Nicht, weil sie kein Mitgefühl hätten. Sondern weil ihnen ein innerer Kompass für das Gespräch fehlt.


Was darf ich fragen?
Wie weit gehe ich?
Wo höre ich auf?

Es ist ein Orientierungsrahmen, der hilft, in belastenden Situationen handlungsfähig zu bleiben – besonders dann, wenn Emotionen, Unsicherheit oder eigene Betroffenheit mitschwingen.

Wichtig vorab:
ALGEE bedeutet nicht, psychische Diagnosen zu stellen oder Probleme zu „lösen“.
Es unterstützt Praxisanleitende dabei,

  • Gespräche zu eröffnen
  • Sicherheit zu geben
  • und den Übergang zu weiterer Hilfe zu ermöglichen

ALGEE steht für fünf aufeinander bezogene Schritte, die sich an der Logik der Ersten Hilfe orientieren – übertragen auf psychische Belastung.
Im Zentrum steht dabei nicht das „Lösen“ eines Problems, sondern das sichere, strukturierte Reagieren in einer Situation, die für alle Beteiligten herausfordernd ist.

Das Konzept folgt einer klaren Abfolge: erst wahrnehmen und einordnen, dann zuhören, stabilisieren und schließlich weitervermitteln. Diese Struktur gibt Halt – besonders in Momenten, in denen Unsicherheit, Sorge oder auch eigene Betroffenheit mitschwingen. ALGEE bietet damit keinen Gesprächsleitfaden im engeren Sinne, sondern eine mentale Landkarte, an der sich Praxisanleitende orientieren können, ohne ihre Rolle zu überschreiten.

Entscheidend ist: ALGEE bleibt bewusst vor-therapeutisch. Es geht nicht um Diagnosen, Deutungen oder Interventionen, sondern um Präsenz, Haltung und Verantwortung. Praxisanleitende handeln als aufmerksame Ersthelfende – sie erkennen Anzeichen, sprechen diese an, zeigen Unterstützung auf und wissen, wann und wie weitere Hilfe notwendig ist.

Ansprechen heißt nicht konfrontieren.
Es heißt, Beobachtungen vorsichtig in Worte zu fassen.

Nicht:

„Du wirkst psychisch instabil.“

Sondern:

„Mir fällt auf, dass du in letzter Zeit sehr erschöpft wirkst und dich zurückziehst.“

Dieser Schritt schafft einen Raum – ohne Druck, ohne Vorwurf.
Gleichzeitig geht es um eine erste Einschätzung:
Wirkt die Situation vorübergehend belastend oder potenziell krisenhaft?

Zuhören im Sinne von ALGEE bedeutet:

  • keine schnellen Lösungen,
  • keine Relativierungen,
  • keine Vergleiche.

Sätze wie
„Das geht vielen so“ oder „Das wird schon wieder“ sind gut gemeint – aber häufig kontraproduktiv.

Zuhören heißt hier:

Ich nehme dich ernst, ohne dein Erleben zu bewerten.

Es geht darum,

  • Verständnis zu zeigen,
  • Orientierung zu geben,
  • und Hoffnung zu ermöglichen.

Das kann ganz schlicht sein:

„Danke, dass du mir das erzählst.“
„Das klingt sehr belastend.“
„Du musst da nicht allein durch.“

Sachliche Information kann ebenfalls hilfreich sein – etwa, dass psychische Belastungen in der Ausbildung häufig vorkommen und nichts mit persönlichem Versagen zu tun haben.

Praxisanleitende sind keine Therapeut:innen.
Aber sie können Brücken bauen.

Dieser Schritt bedeutet,

  • professionelle Hilfe klar zu benennen,
  • sie zu entstigmatisieren,
  • und den Zugang zu erleichtern.

Nicht als Anweisung, sondern als Einladung:

„Es könnte hilfreich sein, das mit einer Fachperson zu besprechen. Wollen wir gemeinsam schauen, welche Möglichkeiten es gibt?“

ALGEE lenkt den Blick deshalb auch auf:

  • private Unterstützungsnetze,
  • Kolleg:innen,
  • Familie, Freundeskreis,
  • eigene Ressourcen und Bewältigungsstrategien.

Für die Praxisanleitung heißt das:
Nicht alles selbst tragen.
Nicht die einzige Ansprechperson sein wollen.

  • klar begrenzt ist,
  • sich an realen Gesprächen orientiert,
  • und Haltung vor Technik stellt.

Es hilft insbesondere dann,

  • wenn Gespräche emotional werden,
  • wenn Unsicherheit besteht,
  • oder wenn Praxisanleitende Angst haben, „etwas falsch zu machen“.

Vielleicht ist ALGEE kein Leitfaden, den man auswendig lernt.
Aber einer, den man im Hinterkopf behält –
für den Moment, in dem ein Gespräch wichtig wird.