Lernstile und individuelle Lernvoraussetzungen in der Pflegepraxis
1. Warum Menschen unterschiedlich lernen
In der Pflegepraxis treffen Menschen mit ganz verschiedenen Erfahrungen, Talenten und Persönlichkeiten aufeinander. Diese Vielfalt zeigt sich auch im Lernen: Manche verstehen am besten durch Beobachtung, andere durch Ausprobieren, wieder andere durch Zuhören oder Nachlesen.
Für Praxisanleiter:innen bedeutet das, dass erfolgreiche Anleitung nicht nach Schema F funktioniert. Lernprozesse gelingen nur, wenn sie sich an den individuellen Lernvoraussetzungen und Lernstilen der Auszubildenden orientieren.
Jede Anleitung beginnt also mit der Frage:
Wie lernt dieser Mensch am besten – und was braucht er, um erfolgreich zu sein?
2. Lernvoraussetzungen – was Lernende mitbringen
Lernende kommen nicht als unbeschriebenes Blatt in die Praxis. Sie bringen persönliche Voraussetzungen mit, die ihr Lernverhalten prägen:
a. Kognitive Voraussetzungen
Dazu zählen Wissen, Sprache, Konzentrationsfähigkeit und Lernstrategien. Wer bereits über pflegerisches Vorwissen verfügt, kann Zusammenhänge schneller begreifen. Fehlt die theoretische Grundlage, muss Praxisanleitung stärker strukturieren und erklären.
b. Emotionale und motivationale Voraussetzungen
Lernen ist immer auch Gefühlssache. Angst, Stress oder Unsicherheit können den Lernprozess blockieren. Umgekehrt fördern Selbstvertrauen und Neugier die Aufnahmebereitschaft.
Praxisanleiter:innen sollten emotionale Zustände wahrnehmen und Sicherheit vermitteln – denn Lernen braucht ein stabiles Fundament.
c. Soziale und kulturelle Voraussetzungen
Kulturelle Prägungen, Sprache und Kommunikationsstile beeinflussen, wie Lernende Feedback verstehen oder mit Autorität umgehen. Eine interkulturell sensible Haltung hilft, Missverständnisse zu vermeiden und Lernende mit unterschiedlichen Hintergründen erfolgreich zu begleiten.
d. Biografische Erfahrungen
Frühere Lernerfahrungen – ob positiv oder negativ – wirken weiter. Lernende, die früher viel Kontrolle oder Kritik erlebt haben, reagieren möglicherweise zurückhaltender oder selbstkritischer. Hier ist Vertrauen und Geduld gefragt, um alte Lernmuster zu durchbrechen.
3. Lernstile – unterschiedliche Wege zum Ziel
Ein Lernstil beschreibt die bevorzugte Art, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu behalten. Er ist keine starre Kategorie, sondern eine Tendenz – Menschen kombinieren meist mehrere Stile.
Die bekannteste Einteilung stammt von David Kolb (1984). Er beschreibt Lernen als Kreislauf aus vier Phasen, in dem unterschiedliche Stärken zum Tragen kommen:
- Konkrete Erfahrung: Lernen durch Tun und Erleben
- Reflektierende Beobachtung: Lernen durch Beobachten, Nachdenken und Vergleichen
- Abstrakte Begriffsbildung: Lernen durch Theoriebildung, Lesen und Nachvollziehen von Konzepten
- Aktives Ausprobieren: Lernen durch Umsetzen, Experimentieren und Anwenden
Daraus ergeben sich vier Lerntypen, die auch in der Pflegepraxis leicht wiederzuerkennen sind:
- Der „Macher“ (aktiv-experimentell): lernt durch Anpacken und Ausprobieren
- Der „Denker“ (analytisch-theoretisch): lernt durch Verständnis von Zusammenhängen
- Der „Beobachter“ (reflektierend): lernt durch Zusehen und Nachdenken
- Der „Pragmatiker“ (anwendungsorientiert): lernt durch praktischen Nutzen und klare Struktur
4. Lernen mit allen Sinnen – VAK-Modell
Ein weiteres hilfreiches Modell ist das VAK-Modell, das drei Sinneskanäle unterscheidet:
- Visuell: Lernen durch Sehen (z. B. Diagramme, Beobachtung, Visualisierung)
- Auditiv: Lernen durch Hören (z. B. Gespräche, Erklärungen, Diskussionen)
- Kinästhetisch: Lernen durch Bewegung und Tun (z. B. praktische Übungen, Simulationen)
In der Praxis heißt das:
Ein Lernender beobachtet lieber (visuell), eine andere braucht das laute Denken im Gespräch (auditiv), während ein Dritter erst begreift, wenn er es selbst ausprobiert (kinästhetisch).
Praxisanleitung ist dann am wirksamsten, wenn sie alle Sinne anspricht – durch Vormachen, Mitmachen, Erklären und Nachbesprechen.
5. Individuelle Lernförderung in der Praxis
Die Kunst guter Praxisanleitung besteht darin, Lernvoraussetzungen wahrzunehmen und das Vorgehen flexibel anzupassen.
Praktische Leitfragen:
- Welche Stärken und Interessen zeigt die Person?
- Wie reagiert sie auf Feedback?
- Lernt sie eher durch Anleitung oder durch Selbstständigkeit?
- Wie verarbeitet sie Fehler und Unsicherheiten?
Förderliche Methoden:
- Lernaufgaben, die den eigenen Stil ansprechen (z. B. visuelle Lernkarten, Fallanalysen, Gespräche)
- Selbstreflexion fördern („Wie lernst du am besten?“)
- Lernortgespräche nutzen, um Lernwege gemeinsam zu reflektieren
- Unterschiedliche Zugänge anbieten: Beobachten, Tun, Diskutieren, Lesen
So können Praxisanleiter:innen Lernprozesse individuell gestalten, ohne jedes Mal ein neues Konzept zu entwickeln.
6. Stolpersteine im Umgang mit Lernstilen
Ein häufiger Irrtum besteht darin, Lernstile als unveränderlich zu betrachten. In Wahrheit sind sie dynamisch und kontextabhängig: Eine Lernende kann in der Theoriephase eher visuell lernen, in der Praxis aber kinästhetisch.
Auch ist kein Stil „besser“ oder „schlechter“. Entscheidend ist die Passung zwischen Lernperson, Lernaufgabe und Situation. Ziel der Praxisanleitung ist daher nicht, Lernstile festzuschreiben, sondern Lernende zu flexiblen Lerner:innen zu befähigen.
7. Fazit
Lernen in der Pflegepraxis ist so individuell wie die Menschen, die sie gestalten.
Wer als Praxisanleiter:in versteht, wie unterschiedlich Lernende denken, fühlen und handeln, kann Anleitung lebendig, passgenau und wertschätzend gestalten.
Die Berücksichtigung individueller Lernvoraussetzungen und Lernstile fördert Motivation, Sicherheit und Selbstwirksamkeit – und macht Lernen zu einem persönlichen, sinnvollen Prozess.
So entsteht eine Lernkultur, die Vielfalt nicht als Herausforderung, sondern als Stärke begreift.
Quellen:
Denzel, E. (2019). Praxisanleiter – pflegen, ausbilden, begleiten. (4. Auflage) Stuttgart: Thieme.
Ertl-Schmuck, S. (2023). Handreichung zur Umsetzung einer kompetenzorientierten Weiterbildung.
Mamerow, R. (2021). Praxisanleitung in der Pflege (7. Aufl.). Berlin: Springer.
