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In der Praxis zeigt sich Lernbedarf selten als klare Liste. Häufig äußert er sich indirekt: Unsicheres Handeln, Ausweichstrategien („Ich schaue lieber nur zu“), stockende Begründungen, oder ein routiniertes Tun ohne Verständnis. Gleichzeitig gilt: Nicht jedes Problem ist sofort ein Lernproblem. Manchmal steckt Überlastung dahinter, manchmal fehlende Rahmenbedingungen (Material, Zeit, Stationsstandard), manchmal Angst vor Bewertung. Gute Lernbedarfsermittlung trennt diese Ebenen.

Erstgespräch: Lernen beginnt mit Verstehen

Ein strukturiertes Erst- oder Vorgespräch schafft Orientierung. Hier geht es nicht um Prüfung, sondern um ein gemeinsames Bild: Welche Erfahrungen bringt die Person mit? Welche Themen hat sie theoretisch gerade in der Schule? Wo fühlt sie sich sicher – wo unsicher? Auch Belastbarkeit, aktuelle Lebenssituation oder Prüfungsdruck können relevant sein, weil sie das Lernen stark beeinflussen.

Hilfreich sind offene Fragen, die zum Erzählen einladen:
„Welche Tätigkeiten hast du im letzten Einsatz häufig gemacht?“ – „Was würdest du gern sicherer können?“ – „Wovor hast du Respekt?“ – „Welche Inhalte hattet ihr zuletzt in der Schule?“

Ausbildungsdokumente: Das „Bild von außen“

Die Lernbegleitmappe, Praxisordner oder Ausbildungsnachweise liefern Hinweise, was bereits bearbeitet wurde und wo Anschluss möglich ist. Sie ersetzen nicht die Beobachtung, aber sie helfen, nicht bei null anzufangen. Außerdem unterstützen sie dabei, die Anleitung anschlussfähig an den Ausbildungsstand zu planen.

Beobachtung: Lernbedarf zeigt sich im Tun

Im Arbeitsfeld wird sichtbar, wie Wissen in Handlung übersetzt wird. Entscheidend ist nicht, ob „alles perfekt“ läuft, sondern ob zentrale Punkte erkennbar sind: Hygiene- und Sicherheitsstandards, Struktur der Durchführung, Kommunikation, Begründungsfähigkeit, Umgang mit Abweichungen und Stress.

Eine kurze, gezielte Beobachtungsphase („Heute schaue ich dir bei X zu und wir besprechen danach drei Dinge“) ist oft wirksamer als lange Begleitungen ohne Fokus.

Eigenverantwortung: Lernbedarf gemeinsam formulieren

Lernziele haben unterschiedliche Ebenen

Im Hintergrund existieren sehr allgemeine Ziele (Richtziele) und Ziele für ganze Lernfelder oder Unterrichtseinheiten (Grobziele). In der Praxisanleitung sind jedoch vor allem Feinziele entscheidend: Sie beschreiben ein beobachtbares Verhalten in einer konkreten Situation. Genau diese Präzision sorgt dafür, dass Anleiter:in und Lernende nicht aneinander vorbeireden.

Ein Feinziel beantwortet im Kern:
Wer tut was, woran erkennt man es, unter welchen Bedingungen?

Lernen ist mehrdimensional: Kopf, Hand und Haltung

Pflegekompetenz entsteht nie nur „im Kopf“. Daher sollten Lernziele bewusst alle drei Dimensionen im Blick haben.

Kognitive Ziele betreffen Wissen und Verstehen. Hier geht es darum, Zusammenhänge erklären und Entscheidungen begründen zu können.
Beispielhaft: Die Auszubildende erläutert Ursachen, Risiken oder Prinzipien einer Maßnahme.

Psychomotorische Ziele beziehen sich auf das praktische Tun: Handgriffe, Abläufe, Umgang mit Hilfsmitteln, Sicherheit.
Beispielhaft: Der Auszubildende führt eine Handlung fachgerecht und strukturiert durch.

SMART (oder RUMBA) als Qualitätscheck

Ein gut formuliertes Ziel ist spezifisch und überprüfbar, realistisch und in einem zeitlichen Rahmen erreichbar. Die SMART-Regel hilft dabei, Ziele auf Alltagstauglichkeit zu prüfen. Ähnlich arbeitet RUMBA, das besonders betont, dass Ziele verständlich und verhaltensbezogen sein müssen.

Die Frage ist immer:
Woran erkennen wir beide, dass das Ziel erreicht ist?

Operative Verben: Aus „Wissen“ wird sichtbares Können

Der einfachste Hebel ist die Wortwahl. Statt „kennen“ oder „wissen“ eignen sich Verben wie „erläutern“, „begründen“, „anwenden“, „durchführen“, „dokumentieren“, „evaluieren“, „aufklären“, „beobachten“ oder „priorisieren“. Damit wird ein Ziel automatisch konkreter – und die Anleitung leichter auswertbar.

Bloom: Den Anspruch passend zum Ausbildungsstand wählen

Die Taxonomie nach Bloom (bzw. Anderson/Krathwohl) hilft, den Schwierigkeitsgrad eines Ziels zu steuern. Gerade in der Praxisanleitung ist das nützlich: Anfänger:innen brauchen oft Ziele im Bereich „Wissen–Verstehen–Anwenden“, während Fortgeschrittene mehr in Richtung „Analysieren–Bewerten–Gestalten“ arbeiten können.

Ein Beispiel aus dem Pflegealltag zeigt den Unterschied:

  • Auf höherer Stufe kann das Ziel sein, in einer komplexen Situation Prioritäten zu setzen, Maßnahmen abzuwägen und eine Entscheidung zu begründen.
  • Auf niedrigerer Stufe kann ein Ziel sein, eine Prophylaxe zu erklären und unter Anleitung durchzuführen.

Ein mögliches Feinziel könnte lauten:
„Die Auszubildende plant und führt eine positionsunterstützende Lagerung bei Patient:in X unter Berücksichtigung von Schmerzangaben und Intimsphäre, bis zum Ende des Monats, durch und begründet anschließend zwei Maßnahmen zur Druckentlastung.“

Anselmann, V., Anselmann, S., & Bohn, B. (Hrsg.). (2025). Die Praxisanleitungsmethode. Springer.

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