1. Einleitung
In der Praxisanleitung entscheidet selten „gute Absicht“ über Lernerfolg, sondern die Frage: Wissen wir eigentlich, was genau gelernt werden soll – und warum? Wer Lernbedarfe sauber ermittelt und daraus klare Lernziele ableitet, macht Anleitung planbar, fair und überprüfbar. Das entlastet auch im hektischen Alltag, weil weniger „ins Blaue hinein“ angeleitet wird.
2. Lernbedarf erkennen: Wo steht die Person – und was braucht sie jetzt?
Ein Lernbedarf beschreibt die Differenz zwischen dem aktuellen Stand eines Auszubildenden (Wissen, Fertigkeiten, Haltung/Verhalten) und dem, was für eine sichere, fachgerechte Pflegehandlung erforderlich ist. Er ist also kein „Mangel“ im moralischen Sinn, sondern ein normaler Ausgangspunkt für Entwicklung.
In der Praxis zeigt sich Lernbedarf selten als klare Liste. Häufig äußert er sich indirekt: Unsicheres Handeln, Ausweichstrategien („Ich schaue lieber nur zu“), stockende Begründungen, oder ein routiniertes Tun ohne Verständnis. Gleichzeitig gilt: Nicht jedes Problem ist sofort ein Lernproblem. Manchmal steckt Überlastung dahinter, manchmal fehlende Rahmenbedingungen (Material, Zeit, Stationsstandard), manchmal Angst vor Bewertung. Gute Lernbedarfsermittlung trennt diese Ebenen.
Erstgespräch: Lernen beginnt mit Verstehen
Ein strukturiertes Erst- oder Vorgespräch schafft Orientierung. Hier geht es nicht um Prüfung, sondern um ein gemeinsames Bild: Welche Erfahrungen bringt die Person mit? Welche Themen hat sie theoretisch gerade in der Schule? Wo fühlt sie sich sicher – wo unsicher? Auch Belastbarkeit, aktuelle Lebenssituation oder Prüfungsdruck können relevant sein, weil sie das Lernen stark beeinflussen.
Hilfreich sind offene Fragen, die zum Erzählen einladen:
„Welche Tätigkeiten hast du im letzten Einsatz häufig gemacht?“ – „Was würdest du gern sicherer können?“ – „Wovor hast du Respekt?“ – „Welche Inhalte hattet ihr zuletzt in der Schule?“
Ausbildungsdokumente: Das „Bild von außen“
Die Lernbegleitmappe, Praxisordner oder Ausbildungsnachweise liefern Hinweise, was bereits bearbeitet wurde und wo Anschluss möglich ist. Sie ersetzen nicht die Beobachtung, aber sie helfen, nicht bei null anzufangen. Außerdem unterstützen sie dabei, die Anleitung anschlussfähig an den Ausbildungsstand zu planen.
Beobachtung: Lernbedarf zeigt sich im Tun
Im Arbeitsfeld wird sichtbar, wie Wissen in Handlung übersetzt wird. Entscheidend ist nicht, ob „alles perfekt“ läuft, sondern ob zentrale Punkte erkennbar sind: Hygiene- und Sicherheitsstandards, Struktur der Durchführung, Kommunikation, Begründungsfähigkeit, Umgang mit Abweichungen und Stress.
Eine kurze, gezielte Beobachtungsphase („Heute schaue ich dir bei X zu und wir besprechen danach drei Dinge“) ist oft wirksamer als lange Begleitungen ohne Fokus.
Eigenverantwortung: Lernbedarf gemeinsam formulieren
Auszubildende lernen nachhaltiger, wenn sie den Lernbedarf mittragen. Wer sich selbst ein Ziel setzt, lernt eher aus innerer Motivation statt aus Pflichtgefühl. Praxisanleitung wird dadurch partnerschaftlicher: Lernende sollen nicht nur „geplant werden“, sondern aktiv planen lernen. Das ist zugleich ein Training für selbstreguliertes Lernen.
3. Von Lernbedarf zu Lernziel: Was soll am Ende konkret anders sein?
Wenn der Lernbedarf klarer wird, folgt der Schritt, der in der Praxis oft zu kurz kommt: Lernziele formulieren. Ein Lernziel beschreibt den Lernzuwachs, der nach einer Anleitung sichtbar sein soll. Es macht den Lernprozess überprüfbar und hilft, Feedback konkret zu geben.
Lernziele haben unterschiedliche Ebenen
Im Hintergrund existieren sehr allgemeine Ziele (Richtziele) und Ziele für ganze Lernfelder oder Unterrichtseinheiten (Grobziele). In der Praxisanleitung sind jedoch vor allem Feinziele entscheidend: Sie beschreiben ein beobachtbares Verhalten in einer konkreten Situation. Genau diese Präzision sorgt dafür, dass Anleiter:in und Lernende nicht aneinander vorbeireden.
Ein Feinziel beantwortet im Kern:
Wer tut was, woran erkennt man es, unter welchen Bedingungen?
Lernen ist mehrdimensional: Kopf, Hand und Haltung
Pflegekompetenz entsteht nie nur „im Kopf“. Daher sollten Lernziele bewusst alle drei Dimensionen im Blick haben.
Kognitive Ziele betreffen Wissen und Verstehen. Hier geht es darum, Zusammenhänge erklären und Entscheidungen begründen zu können.
Beispielhaft: Die Auszubildende erläutert Ursachen, Risiken oder Prinzipien einer Maßnahme.
Psychomotorische Ziele beziehen sich auf das praktische Tun: Handgriffe, Abläufe, Umgang mit Hilfsmitteln, Sicherheit.
Beispielhaft: Der Auszubildende führt eine Handlung fachgerecht und strukturiert durch.
Affektive Ziele betreffen Haltung, Beziehungsgestaltung, Empathie und ethische Sensibilität. Dieser Bereich wird im Alltag leicht übersehen – obwohl er in der Pflege oft den Unterschied macht.
Beispielhaft: Die Auszubildende wahrt die Privatsphäre, kommuniziert respektvoll, nimmt Scham oder Angst wahr und reagiert angemessen.
4. Lernziele so formulieren, dass sie im Alltag tragen
Lernziele wirken nur dann als Orientierung, wenn sie verständlich und überprüfbar sind. Vage Formulierungen („soll wissen“, „soll kennen“, „soll verstehen“) klingen gut, helfen aber kaum bei Beobachtung und Feedback. Deshalb braucht es operationalisierte Ziele, die sich an Verhalten festmachen lassen.
SMART (oder RUMBA) als Qualitätscheck
Ein gut formuliertes Ziel ist spezifisch und überprüfbar, realistisch und in einem zeitlichen Rahmen erreichbar. Die SMART-Regel hilft dabei, Ziele auf Alltagstauglichkeit zu prüfen. Ähnlich arbeitet RUMBA, das besonders betont, dass Ziele verständlich und verhaltensbezogen sein müssen.
Die Frage ist immer:
Woran erkennen wir beide, dass das Ziel erreicht ist?
Operative Verben: Aus „Wissen“ wird sichtbares Können
Der einfachste Hebel ist die Wortwahl. Statt „kennen“ oder „wissen“ eignen sich Verben wie „erläutern“, „begründen“, „anwenden“, „durchführen“, „dokumentieren“, „evaluieren“, „aufklären“, „beobachten“ oder „priorisieren“. Damit wird ein Ziel automatisch konkreter – und die Anleitung leichter auswertbar.
Bloom: Den Anspruch passend zum Ausbildungsstand wählen
Die Taxonomie nach Bloom (bzw. Anderson/Krathwohl) hilft, den Schwierigkeitsgrad eines Ziels zu steuern. Gerade in der Praxisanleitung ist das nützlich: Anfänger:innen brauchen oft Ziele im Bereich „Wissen–Verstehen–Anwenden“, während Fortgeschrittene mehr in Richtung „Analysieren–Bewerten–Gestalten“ arbeiten können.
Ein Beispiel aus dem Pflegealltag zeigt den Unterschied:
- Auf höherer Stufe kann das Ziel sein, in einer komplexen Situation Prioritäten zu setzen, Maßnahmen abzuwägen und eine Entscheidung zu begründen.
- Auf niedrigerer Stufe kann ein Ziel sein, eine Prophylaxe zu erklären und unter Anleitung durchzuführen.
5. Vom Ziel zur Anleitung: Mini-Beispiel aus der Praxis
Angenommen, im Erstgespräch wird deutlich: Die Auszubildende kann Lagerungen praktisch durchführen, begründet aber unsicher und übersieht manchmal patientenbezogene Besonderheiten (Schmerz, Scham, Mobilitätsgrenzen). Der Lernbedarf liegt dann nicht nur im Handgriff, sondern in Begründung und Beziehungsgestaltung.
Ein mögliches Feinziel könnte lauten:
„Die Auszubildende plant und führt eine positionsunterstützende Lagerung bei Patient:in X unter Berücksichtigung von Schmerzangaben und Intimsphäre, bis zum Ende des Monats, durch und begründet anschließend zwei Maßnahmen zur Druckentlastung.“
Dieses Ziel verbindet kognitiv (Begründung), psychomotorisch (Durchführung) und affektiv (Wahrung von Scham/Privatsphäre). Gleichzeitig ist es beobachtbar: Man kann sehen, was passiert, und danach gezielt reflektieren.
6. Fazit
Die Ermittlung von Lernbedarfen ist der Startpunkt jeder wirksamen Praxisanleitung: Sie klärt, was wirklich gebraucht wird – und verhindert Über- oder Unterforderung. Gute Lernziele machen daraus eine konkrete Lernroute: Sie sind präzise, beobachtbar und auf den Ausbildungsstand abgestimmt.
So entsteht Anleitung, die nicht nur „irgendwie läuft“, sondern gezielt Kompetenz aufbaut: fachlich sicher, praktisch handlungsfähig und menschlich professionell.
Quellen:
Anselmann, V., Anselmann, S., & Bohn, B. (Hrsg.). (2025). Die Praxisanleitungsmethode. Springer.
Denzel, E. (2019). Praxisanleiter – pflegen, ausbilden, begleiten. (4. Auflage) Stuttgart: Thieme.
Mamerow, R. (2021). Praxisanleitung in der Pflege (7. Aufl.). Berlin: Springer.