Donnerstag, 21:14 Uhr. Andrea sitzt am Stationsstützpunkt der Onkologie, vor sich ein A5-Notizbuch mit aufgeklappten Eselsohren und einem Stapel beschrifteter Karteikarten. Sieben Wochen Praxiseinsatz von Jonas. Morgen früh, halb neun, das Beurteilungsgespräch.
Genau das ist der Moment, an dem Beurteilungsgespräche in der Praxisanleitung selten ideal vorbereitet werden – nicht aus mangelndem Willen, sondern weil zwischen Visite, Übergabe und Schmerzmanagement kein Termin freibleibt, an dem man in Ruhe sortieren könnte.
Andrea, 47, Praxisanleiterin auf der internistisch-onkologischen Station, kennt den Ablauf. Jonas, 22, zweites Ausbildungsdrittel, ruhig, gewissenhaft, manchmal zu leise. Sie hat ihn sieben Wochen begleitet. Und sie hat – das ist ehrlich – über die Wochen längst Eindrücke gesammelt. Eindrücke sind aber keine Dokumentation. Niemand führt im laufenden Stationsalltag sortierte Lernprotokolle. Das ist niemandem vorzuwerfen.
Was vor ihr liegt, sind Stichpunkte. Datum, Initialen, drei Zeilen. Manche von vor sechs Wochen. Sie blättert.
„Jonas, Zi. 12, Hr. T. (Pall.). Ganzkörperwaschung. Ruhig. Danach kurz raus. Später angesprochen.“
„Jonas mit Fr. B. – Chemo-Vorbereitung. Hat verschoben. Standard nicht. Aber richtig.“
„Übergabe. Jonas spricht über Hrn. T. zum ersten Mal von sich aus.“
Drei Notizen, drei Daten, drei Situationen, die irgendwie zusammengehören – sie weiß nur noch nicht, wie. Und in elf Stunden sitzt Jonas vor ihr.
Der Moment, in dem Andrea den Laptop aufklappt
Andrea hat den KI-Prompt aus dieser Serie seit drei Wochen gespeichert. Sie hat ihn zweimal benutzt, beide Male für einzelne Anleitungssituationen. Heute Abend ist die Frage eine andere: Lassen sich aus diesen verstreuten Notizen ein Lernfortschritt und eine Beurteilungsgrundlage destillieren?
Sie öffnet das Notizbuch erneut. Bevor irgendwas in das Eingabefeld kommt, geht sie die Karteikarten mit einem Bleistift durch. Jonas wird zu [Azubi_1]. Herr T., der Patient mit Pankreas-Ca im palliativen Setting, wird zu [Patient_A]. Frau B. mit der zweiten Chemo wird zu [Patient_B]. Zimmernummern werden zu [Zimmer_X], [Zimmer_Y]. Diagnosen, die in der Kombination identifizierend wären, werden zu „onkologisches Krankheitsbild im palliativen Setting“ und „Mamma-Ca, zweiter Therapiezyklus“.
Das dauert zwölf Minuten. Es ist die Aufgabe, die nicht delegierbar ist – nicht ans Modell, nicht an später, nicht an morgen früh.
Dann tippt sie die bereinigten Stichpunkte in den Prompt ein. Drei Situationen, jeweils mit Datum, Setting, Beobachtung. Sie ergänzt: „Bitte zusätzlich am Ende eine Mustererkennung über die drei Situationen hinweg.“
Was zurückkommt – und was Andrea damit macht
Das Modell liefert eine dreispaltige Tabelle pro Situation: Kurzprotokoll, Lernfortschritt, nächste Schritte. Sauber strukturiert, nüchtern formuliert, an mehreren Stellen mit „nicht dokumentiert“ markiert, wo ihre Notizen lückenhaft waren.
Genau hier passiert das, was Andrea nicht erwartet hatte. In der Mustererkennung am Ende steht ein Satz, den sie selbst so nicht formuliert hätte: „Über die drei Situationen zeigt sich ein wiederkehrendes Muster – [Azubi_1] verlässt in Belastungssituationen kurzzeitig den Standard-Ablauf, kehrt aber selbständig zur Reflexion zurück. Diese Selbststeuerung ist im zweiten Ausbildungsdrittel ausbildungsgerecht und stellt einen Übergang vom regelgeleiteten zum situativen Handeln dar.“
Andrea liest den Satz zweimal. Sie hatte das auf der Station gespürt, ohne es benennen zu können.
Das KI-Protokoll bleibt ein Strukturvorschlag. Andrea prüft jede Spalte gegen ihre eigenen Notizen. Sie streicht eine Formulierung, die zu freundlich klingt. Sie fügt eine Beobachtung hinzu, die das Modell nicht haben konnte – einen kurzen Satz von Jonas in der Übergabe, den sie sich erst jetzt wieder ins Gedächtnis ruft. Erst danach legt sie die ausgedruckte Tabelle neben das Beurteilungsformular.
22:30 Uhr. Sie macht den Laptop zu.
Freitag, 8:32 – das Gespräch
Jonas sitzt ihr gegenüber, etwas verschlafen Schreibblock dabei.
„Ich gehe mit Ihnen drei Situationen durch“, sagt Andrea. „Nicht bewertet. Beobachtet. Sie sagen mir danach, was Sie selbst dazu sehen.“
Sie liest die erste Situation vor. Herr T., palliativ, Ganzkörperwaschung. Jonas hört zu. Sein Blick bleibt am Tisch.
„Ich bin danach kurz auf den Flur.“
„Das steht hier auch.“
„Ich wusste nicht, ob das in Ordnung ist.“
„Was haben Sie auf dem Flur gemacht?“
„Nichts. Atmen.“
„Und dann?“
„Bin wieder rein. Habe Frau S. von der Pflege gefragt, ob ich was übersehen habe. Sie meinte, alles sauber gemacht.“
Andrea legt die zweite Karte neben die erste.
„Frau B., Chemo-Vorbereitung. Sie haben verschoben.“
„Sie hat geweint. Das war keine Situation für eine Mobilisation.“
„Der Standard sieht den Termin um 9 Uhr vor.“
„Ich weiß.“
„Warum haben Sie es trotzdem verschoben?“
„Weil … weil sie nicht bereit war.“
Andrea nickt langsam. Dann legt sie die dritte Karte dazu, die Übergabe-Notiz.
„Sie haben das erste Mal von sich aus über Herrn T. gesprochen. In der Übergabe.“
Jonas sieht auf.
„Ich dachte, das gehört dazu.“
Die Nachbesprechung
„Was sehen Sie selbst über die drei Situationen?“, fragt Andrea.
Jonas überlegt länger, als sie erwartet hatte.
„Ich habe in allen drei Situationen vom Standard abweichen müssen. Einmal kurz raus. Einmal verschoben. Einmal ungefragt etwas eingebracht.“
„Und?“
„Ich dachte am Anfang, das ist schlecht. Dass ich es nicht durchziehe.“
„Was denken Sie heute?“
„Ich glaube … ich habe in jeder Situation den Patienten ernster genommen als den Plan.“
Andrea nimmt den Satz auf, ohne ihn zu kommentieren. Sie schreibt ihn handschriftlich auf das Beurteilungsformular, in die freie Zeile unter „Selbsteinschätzung“.
„Eine Sache noch“, sagt sie. „Der Standard ist im zweiten Ausbildungsdrittel das Wichtigste. Bis Sie verstanden haben, warum es ihn gibt. Ab dann dürfen Sie davon abweichen – mit Begründung. Das, was Sie eben gesagt haben, ist eine Begründung.“
Jonas lehnt sich das erste Mal in diesem Gespräch zurück.
Was dieses Beispiel über das Beurteilungsgespräch in der Praxisanleitung zeigt
Ein Beurteilungsgespräch in der Praxisanleitung vorbereiten heißt nicht, Eindrücke nachträglich in ein Formular zu pressen. Es heißt, aus verstreuten Beobachtungen ein Bild zu machen, das der Auszubildende selbst wiedererkennen kann. Diese Arbeit ist kognitiv anspruchsvoll – und manchmal passiert sie zwischen 21 und 23 Uhr am Vorabend, weil tagsüber kein Slot dafür existiert.
Genau hier hat KI-Dokumentation in der Praxisanleitung ihren legitimen Platz. Nicht als Ersatz für Andreas Urteil. Als Strukturwerkzeug, das aus drei Stichpunkten eine erkennbare Linie macht. Die Mustererkennung – „Übergang vom regelgeleiteten zum situativen Handeln“ – hätte Andrea selbst formulieren können, vermutlich in einem ruhigen Moment am Wochenende. Den hatte sie nicht. Der Prompt hat ihn für sie kondensiert.
Wichtig ist die Reihenfolge: Erst Bereinigung, dann Prompt, dann Prüfung gegen die eigene Wahrnehmung. Das KI-Protokoll wäre ohne den Halbsatz aus der Übergabe unvollständig geblieben – und genau dieser Halbsatz war es, der Jonas im Gespräch gelöst hat. Was die KI nicht weiß, weil es nicht in den Notizen stand, kann sie nicht liefern. Was sie liefert, ist Struktur – nicht Erinnerung.
Was hier gleichzeitig sichtbar wird: Dokumentation als Reflexionsanker, nicht als Pflichtnachweis. Andrea hat in den zwölf Minuten Bereinigung und in den zwanzig Minuten Prüfung mehr über Jonas‘ Entwicklung verstanden als in den sechs Wochen davor. Das ist genau das, was Donald Schön mit „Reflection-on-Action“ beschreibt: bewusstes Nachdenken über das Geschehen, nachdem es abgeschlossen ist. Dass dieser Reflexionsraum am Donnerstagabend stattfindet und nicht im Dienst – das ist die Realität onkologischer Pflegestationen, nicht ein Mangel der Praxisanleitung.
Wie hätten Sie das Beurteilungsgespräch vorbereitet?
Wer das Beurteilungsgespräch in der Praxisanleitung vorbereitet, hat selten den ruhigen Vorabend, den dieses Setting beschreibt. Manche sortieren auf dem Heimweg im Auto, andere führen ein Schichtbuch parallel zur Akte, wieder andere geben sich am Tag selbst eine halbe Stunde am Stationsstützpunkt. Wie machen Sie das? Und an welcher Stelle würden Sie KI-Unterstützung einsetzen – an welcher bewusst nicht?
Zum Abschluss
Das Beurteilungsgespräch wird nicht dadurch besser, dass mehr dokumentiert wird. Es wird besser, wenn das, was dokumentiert wurde, sichtbar gemacht wird – für den Auszubildenden, der sich darin wiedererkennt, und für die Praxisanleitung, die ihre eigenen Beobachtungen als Linie statt als Punkte sieht. KI ist hier kein Beurteiler. Sie ist ein Strukturwerkzeug, das aus Stichpunkten eine Form macht, die das Gespräch trägt.
Wer solche Vorabend-Situationen mit konkreten Prompts und einer kollegialen Rückmeldung durchspielen möchte: Im nächsten Online-Workshop arbeiten wir genau an Beurteilungsgesprächen unter Zeitdruck – mit eigenem (anonymisiertem) Material und direktem Feedback.


